Berufe

06-4-1 1Lebensgrundlagen

Roma wurden in den meisten Ländern an den gesellschaftlichen Rand gedrängt. Wenn sie zwangsangesiedelt wurden, nahm man ihnen oft die Lebensgrundlagen (Verbot des Pferdehandels unter Kaiserin Maria Theresia). Selten wurde eine andere Möglichkeit des Erwerbs oder Land zur Bewirtschaftung geschaffen. Die Betätigung in Wirtschaftsnischen war daher die einzige Möglichkeit des Lebensunterhalts. Zu 06-4-1 2diesen Marktlücken zählt inoffizielles, informelles Handwerk, wie das Schmieden von Kesseln und Nägeln, die Produktion von Ziegeln und die Herstellung von Sieben und Trögen für die Landwirtschaft.

 

Dienstleistungen und Handel, Musik und Schaustellerei

06-4-2 1Das Anbieten von Dienstleistungen für die bäuerliche Wirtschaft war eine weitere Möglichkeit, sich den Lebensunterhalt zu verdienen (Reparaturarbeiten an Metallgegenständen und Tonwaren, Verzinnen von Kupfergeschirr, Herstellen von kleineren Metallgegenständen, Korbwaren, und vieles mehr). Diese Arbeiten werden auch als Störhandwerk oder Wanderhandwerk bezeichnet. Die Handwerker waren und sind gezwungen ihre Dienste direkt dem Käufer anzubieten und arbeiteten vor Ort. Um das Überleben zu sichern, war es erforderlich regelmäßig von festen Wohnsitzen aus zu den Kunden zu wandern.

Der Handel mit Pferden, mit Autos, mit Teppichen und Altwaren, wie auch der Handel mit Kleinwaren (Hausierhandel) waren und sind ein wichtiger, wie auch riskanter Wirtschaftszweig.

In Zeiten, in denen es für die bäuerliche Bevölkerung wenig Unterhaltungsmöglichkeiten gab, noch keine Tonträger vorhanden waren und Musik nur "live" erlebt werden konnte, hatten Musik, Schaustellerei und Dressur von Tieren eine andere Bedeutung als heute. Fremde Weisen, Kunststücke oder gar dressierte Bären boten willkommene Abwechslung im von "Volksweisen" und kirchlicher Musik dominierten dörflichen Alltag.

Die Adeligen, die an ihren Höfen Romakapellen aus dem Orient und Balkan beherbergten, wirkten auch als Vorbild für die bäuerlichen Schichten.

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Dienstleistungen - Hilfsdienste in der bäuerlichen Wirtschaft

06-4-7 1In den von Bauernwirtschaften dominierten Gemeinden gab es mehrere Tätigkeiten, die von Hilfskräften ausgeführt wurden. Bedingt durch die landwirtschaftliche Saison wurden v.a. in Erntezeiten Hilfskräfte gebraucht. Dies waren Tätigkeiten, die sich nur auf wenige Wochen im Jahr bezogen (Weinlese, Getreide- und Kartoffelernte, Holzarbeiten), für die so genannte Tagelöhner eingesetzt wurden. 
Auch in der Viehwirtschaft wurden Hilfskräfte als Hirten für Pferde, Rinder, Schweine und Kleinvieh gebraucht.

All diese Tätigkeiten wurden entweder von der bäuerlichen Unterschicht (Menschen ohne eigenem Besitz, Knechte und Mägde) oder von Roma ausgeführt.

Daneben gab es Tätigkeiten, die von der Roma-Gesellschaft, wie auch von der Mehrheitsgesellschaft, sehr verpönt waren, wie z.B. die Arbeit des Schinders (Wasenmeister), die von Roma und Nicht-Roma ausgeübt wurde. Der Schinder musste verendete Tiere vom Bauernhof abholen, sie enthäuten und auf dem dafür vorgesehenen Schinderacker verscharren. Da diese Menschen mit Totem in ständigem Kontakt waren, galten sie innerhalb der Roma-Gesellschaft als unrein und waren von der Gemeinschaft ausgeschlossen.


Hilfsdienste im Baugewerbe

06-4-8 1In der Zwischenkriegszeit konnten Roma gerade noch als Hilfskräfte im Straßenbau und in der Straßenerhaltung Beschäftigung finden.

Die Erzeugung von Lehmziegeln bot eine weitere saisonale Beschäftigungsmöglichkeit. Oft arbeiteten ganze Familien in den Sommermonaten in Lehmgruben, wo sie luftgetrocknete Ziegel herstellten. Für die Produktion von gebrannten Ziegeln wurden im Südburgenland auch oft italienische Wanderarbeiter engagiert.

Diese Tätigkeiten waren - neben Hilfsarbeiten auf herrschaftlichen Gütern und in Industriebetrieben - kurzfristige Arbeitsmöglichkeiten, die durch ein ungeregeltes Einkommen und dem Fehlen jeglicher sozialer Absicherung charakterisiert waren.

 

Romagruppen in Europa

Der Ethnologe Rüdiger Vossen hat 1983 eine Aufstellung aller europäischer Romagruppen unternommen.

Diese Übersicht folgt einer linguistischen Trennlinie in walachische und nicht-walachische Gruppen. Letztere weisen in ihrer Sprache keine so starke walachisch-rumänische Beeinflussung auf.

Neben der Eigen- und Fremdbezeichnung der verschiedenen Gruppen werden traditionelle Tätigkeiten angeführt, die vielerorts aufgrund politischer und wirtschaftlicher Entwicklungen aufgegeben wurden.

Romagruppen in Europa

 

Handwerk als Quelle der Identität

06-4-3 1Wie die Auflistung der verschiedenen Roma-Gemeinschaften zeigt, ist bei vielen ihre Bezeichnung von der beruflichen, handwerklichen Spezialisierung abgeleitet:

Kalderasch - Kesselschmiede


Lowara - Pferdehändler


Tschurara - Siebmacher

06-4-3 2Linguari - Löffelschnitzer

Dies mag auf eine Tradition im Osmanischen Reich zurückzuführen sein, wo aus einigen Berufen die ethnische Bezeichnung (Name der Volksgruppe) und ein gemeinsames Bewusstsein entstanden sind. Obwohl von den Nicht-Roma ein angemessener gesellschaftlicher Stellenwert verweigert wurde, stellten diese Handwerke für die Romagesellschaften einen Faktor dar, der Identität stiftete.

Für die Mehrheitsgesellschaft waren sie zu bestimmten Handwerken, Berufen, Gruppen zuordenbar, bzw. stammen die Bezeichnungen auch aus Sprachen der Mehrheitsbevölkerung.

Kalderasch, vom rumänischen caldare = Kessel 
Lowara, vom ungarischen lo = Pferd

Die Gruppen unterscheiden sich untereinander, haben eigene soziale Organisationen06-4-3 3 und bestimmte rechtliche Vorschriften. Diese Unterschiede haben sich über Jahrhunderte hinweg entwickelt und sind sicherlich durch Anpassungszwänge in den einzelnen Ländern mit geprägt.

Durch Industrialisierung und durch wirtschaftliche Zwänge sind Veränderungen in diesen "traditionellen" Bereichen erfolgt. Manche Gruppen sind auf neue, verwandte Marktlücken gestoßen (Altmetallhandel) und haben neue Produkte, Dienstleistungen und Kooperationen entwickelt.

In manchen Regionen, wie z.B. dem Burgenland, hatte die Vernichtung der Roma im Holocaust den Überlebenden die Chance genommen, diese Bereiche weiterzuentwickeln. Spezialisten waren ermordet, Häuser und Werkstätten waren geschliffen und die gesellschaftliche Stigmatisierung wurde fortgesetzt.


Wandernde Roma

06-4-12 1Zu bestimmten Jahreszeiten zogen wandernde Roma aus dem ungarischen Kernraum und aus Slowenien in das früher westungarische - heute burgenländische - Gebiet und versorgten die bäuerliche Bevölkerung mit Waren und Dienstleistungen.

Kesselschmiede aus Innerungarn besuchten die Dörfer, um ihre Produkte und Dienstleistungen (Reparaturhandwerk) anzubieten. Weiters boten auch Muldenmacher aus Innerungarn auf ihren Wanderungen ihre Produkte an. Sie stellten Tröge (Mulden, Multa) aus bestimmtem Holz her, die sie an die bäuerlichen Haushalte verkauften.

Aus dem slowenischen Raum kamen einmal jährlich, meist in der Erntezeit, Siebmacher, um ihre Produkte anzubieten. Sie stellten verschiedene Siebe aus Pferdehaar her, die unentbehrliche Geräte bei der Getreideernte waren.

 

Restriktive Bestimmungen 
gegen das Wandergewerbe

06-4-12-1 1Die restriktiven Bestimmungen vor dem 1. Weltkrieg und in der Zwischenkriegszeit versuchten das Wandergewerbe zu verbieten. Besonders striktes Vorgehen gegen Roma gab es vor allem in den angrenzenden steirischen Bezirken. Hier wurde in den Medien und von offiziellen Stellen ein "Zigeunerproblem" geschaffen. Vor allem den wandernden Gruppen wurden immer wieder kriminelle Handlungen (Raub, Diebstahl, Einbrüche) unterstellt, die sich nach genauer Untersuchung als falsch herausstellten. 1913 wurde in einem Amtsblatt von der steiermärkischen Statthalterei folgende Handlungsanweisungen für die Bevölkerung herausgegeben:06-4-12-1 2

1. Jedes Auftauchen von Zigeunern zeige jedermann der Gemeinde oder dem nächsten Gendarmerieposten an (...).

2. Man lasse die Zigeuner nicht ins Haus, nicht wenn sie betteln kommen und nicht, wenn sie um Nachtherberge bitten (...).06-4-12-1 3

3. Man kaufe nichts von Zigeunern, denn ihre Ware ist fast ausnahmslos gestohlen oder gefälscht oder mit Mängel behaftet (...).

4. Man lasse sich nicht von Zigeunerinnen wahrsagen (...). 

Daraufhin wurden zu Beginn des 19. Jahrhunderts slowenische Romafamilien, die in der grenznahen Stadt Radkersburg einkaufen wollten, verhaftet. Auch wurden Wallfahrer aus Ungarn, die nach St. Leonhard pilgerten, Ziel des behördlichen Interesses. Die Grenzwachen zu Ungarn und Slowenien wurden verschärft.

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