Metallverarbeitende Berufe

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Altes Eisen - neue Nägel

Bestimmte Handwerkszweige sind in vielen Teilen Europas vertreten (Schmiede, Korbflechterei, Erzeugung von Holzwaren). Daher hat man angenommen, dass dies traditionelle Bereiche waren, die die Roma bereits in Indien ausgeführt hätten.

Untersuchungen der Sprache haben jedoch gezeigt, dass es in den Romanes-Dialekten kaum indische Ursprungswörter für die Werkzeuge, Rohstoffe und Fertigwaren dieser Handwerke gibt, sondern dass dies Lehnwörter aus jenen Sprachen und Kulturen sind, mit denen die Roma auf ihren Wanderungen in Kontakt kamen (persische, armenische, slawische Sprachen).

Woher kommen nun diese "traditionellen" Berufe? Vielen "traditionellen" Handwerkszweigen ist gemein, dass die Rohstoffe entweder kostenlos erhältlich waren, oder dass alte Produkte recycelt wurden. Siebe wurden aus Pferdehaar hergestellt, Körbe aus Weiden, die wild wuchsen.

06-4-5 2Die Schmiede verarbeiteten oft alte Eisenprodukte, die der Auftraggeber zur Verfügung stellte, oder die man im Tausch für Dienstleistungen erworben hatte (unter anderem die Nägelschmiede).

Die traditionellen Berufe stellen daher keine kulturelle "Eigenart" dar, wie so oft angenommen, sondern sind aus rein wirtschaftlichen Zwängen entstanden.

Die Handwerke waren keine offiziell anerkannten Handwerke, das heißt die Roma gehörten keiner Zunft an (allein in Süditalien gab es eine Zunft der Romaschmiede), sie hatten keine vorgeschriebene Ausbildung (Lehrzeit, Gesellenprüfung) und keine Dokumente. Das Wissen wurde in der Familie, in der Gruppe weiter gegeben. Die Handwerker mussten kreativ und Universalisten sein, sie mussten neue Marktlücken erkennen, um überleben zu können. In den Familien gab es daher oft verschiedene Handwerker und Spezialisten.

Allen Handwerken ist gemein, dass sie von der Mehrheitsgesellschaft nicht anerkannt waren. Schmiedeprodukte der Roma waren im täglichen Gebrauch zwar geschätzt, hatten aber nicht die gesellschaftliche Anerkennung wie jene vom Gadsche-Schmied. Dies war Teil der sozialen Marginalisierung.


Schmied

06-4-5-1 1Vor allem in Kriegszeiten wurden Roma wegen ihrer Kenntnisse der Metallverarbeitung und Waffenherstellung geschätzt, deshalb wurden sie in den Herrschaften aufgenommen und in den Dienst der Adeligen gestellt.

Das Schmiedehandwerk bot Romafamilien eine Möglichkeit, den Lebensunterhalt zu sichern. Werkzeuge und Gegenstände aus Eisen hatten in den vergangenen Jahrhunderten einen großen Wert für die bäuerlichen Haushalte.

Kaiserin Maria Theresia und ihr Sohn Joseph II. versuchten das Schmiedehandwerk der Roma mehrmals einzuschränken.

  

Die Produkte der Romaschmiede

06-4-5-1 2In der Zwischenkriegszeit waren in vielen Orten des Burgenlandes oft zwei Schmiede tätig. Während der Ortsschmied Pferde beschlug und neue landwirtschaftliche Geräte anfertigte, produzierte der Schmied der Roma Kleineisenzeug und reparierte Gegenstände.

Er stellte Kuh- und Wagenketten her, Feuerzangen, Sensen, Äxte und Mistgabeln, Bohrer, Haushaltsgegenstände (Schürhacken, Wiegemesser, Pfannenfüße, etc.) und Fleischerbeile für die Schweineschlachtung. Er fertigte auch Eggen und Heurechen, sowie Türbeschläge und Fallen. Oft brachten die Bauern das Eisen (Roheisen oder Alteisen) selbst zum Romaschmied mit. Er betrieb eine Recyclingwirtschaft, da Eisenkleinzeug oft aus Alteisenprodukten06-4-5-1 3 hergestellt wurde.

Manche Schmiede der Roma hatten sich auf die Herstellung von Nägeln spezialisiert, die gerne beim Hausbau und von Zimmerern verwendet wurden.

Die Schmiede hatten oft eine eigene Werkstatt, manche von ihnen gingen auch zu den Bauern, um an Ort und Stelle die Aufträge auszuführen.

Durch die Ermordung tausender Roma in der NS-Zeit wird dieses Schmiedehandwerk im Burgenland nicht mehr ausgeführt. Einige Romaschmiede, die den Holocaust überlebten, kehrten in ihre Dörfer zurück, ihre Häuser und Werkstätten waren zum Großteil zerstört.

In den 1980er Jahren arbeitete der letzte Schmied Nikolaus Horvath in Kleinpetersdorf.

 

Messererzeuger

06-4-5-1 4Manche Handwerker hatten sich auf die Erzeugung von Messern spezialisiert. Das Ausgangsprodukt war eine kaputte Sense oder ein Sägeblatt. Diese erhielten sie von den Bauern, als Gegenleistung gab man ein fertiges Messer.

Das Sensenblatt wurde bis zur Rotglut erhitzt, in die gewünschte Form gehämmert und gefeilt. Anschließend wurde ein aus Holz oder Rinderhorn geschnitzter Griff angebracht. Abschließend wurde das Messer am Schleifstein geschärft.

Zu Beginn der 1980er Jahre wurden noch von Herrn Biresch aus Kleinbachselten Messer mit dieser Methode angefertigt.


Rastelbinder

Während die Romaschmiede das glühende Metall verarbeiteten, bearbeiteten die Rastelbinder Eisen und Blech in kaltem Zustand (durch Hämmern, Schneiden, Löten, Stanzen, etc.). Rastel ist eigentlich ein Drahtgestell zum Abstellen des heißen Bügeleisens. Die Rastelbinder fertigten verschiedene Drahtgeflechte für den Haushalt, löteten und nieteten kaputtes Kochgeschirr und stellten neue Produkte wie Kübel, Pfannen und Backbleche her.

Besonderes Geschick brauchte man für die Reparatur von gebrochenen Tongefäßen. Diese Handwerker verstanden es, zerbrochene Tonkrügen zusammenzusetzen und mit einem Mantel aus Drahtgeflecht zu überziehen, so dass die Gefäße wieder wasserdicht waren.

Nach dem Holocaust wurde dieser Beruf nicht mehr aufgegriffen. Die Überlebenden des Holocaust waren manchmal weiterhin in der Metallverarbeitung als Spengler tätig.

 

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Scherenschleifer

Als 1927 alle Roma des Burgenlandes polizeilich erfasst wurden, waren 27 als Scherenschleifer tätig. Sie waren vor allem im Südburgenland ansässig und hatten dafür eine gewerbliche Lizenz.

Die Scherenschleifer schliffen neben Scheren auch Messer, Krauthobel, Rübenmesser und viele andere Schneidegeräte im Haushalt.

Die Handwerker stellten ihre Schleifapparate selbst her. Der Schleifstein war auf einer Art Schubkarren befestigt, so wanderten die Männer - oft auch die ganze Familie - in den Sommermonaten von Ort zu Ort und boten ihre Dienste an. Die Frauen der Scherenschleifer reparierten auch Regenschirme.

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