Musiker, Tänzer, Schausteller und Zirkusleute

Ich nehme mir diesen schwarzen Rom;

er singt und bringt mir Geld

Ref.: Singt, Roma, ihr Ehrenhaften
Damit die ganze Welt unsere Tamburas hört.
(aus einem Tanzlied der Vojvodina)

 

Als Musiker, Tänzer, Schausteller und Zirkusleute, Bärenführer, Puppenspieler und Handleser sind die Roma in der Geschichte der europäischen Unterhaltungskultur nicht wegzudenken.

Schon im 16. Jahrhundert waren Roma beliebte Musiker an den europäischen Adelshöfen, die einen Kunstgenuss von der fernen Welt brachten. Bei den ersten Romagruppen, die nach Mitteleuropa wanderten, sind diese Berufssparten erwähnt und oft wurde auch hier wieder ein kulturelles Erbe aus Indien angenommen.

Allerdings gab es bereits in den ersten nachchristlichen Jahrhunderten in Westasien wandernde Bettelmönche der syrisch-orthodoxen Kirche. Durch ihr Bekenntnis zur Armut und in ihrer Entsagung von jeglichen irdischen Genüssen waren sie nahe bei Gott. Dies war auch Vorbild für anderen Religionen (im Katholizismus, wie auch für die Derwische im Islam). Diese Mönche wurden von der sesshaften Bevölkerung geachtet, stellten in ihrem Auftreten jedoch einen gewissen Unterhaltungswert dar, der in den nachfolgenden Jahrhunderten bewusst gepflegt wurde (Musik, Narreteien, Zukunftsvisionen). Man könnte annehmen, dass Roma mit dieser Tradition in Westasien bekannt wurden und das dies eine Möglichkeit war, als wandernde Gemeinschaft eine gesellschaftliche Anerkennung zu finden. In den einzelnen Ländern war der Unterhaltungssektor oft die einzige Möglichkeit sich als nichtsesshafte Gruppe den Lebensunterhalt zu verdienen. Diese Gewerbe waren von der Mehrheitsgesellschaft verpönt, u.a. weil sie keine finanzielle Sicherheit boten.


Der Unterhaltungssektor

06-4-10-1 1In jedem osmanischen Heer gab es eine Musikkapelle. Die Musiker sollten mit ihren Schalmeien und Trommeln den Feind erschrecken, ihn in die Flucht schlagen und auch die eigenen Krieger anfeuern. Diese Einrichtung wurde von den europäischen Heeren übernommen und so stellen diese Musikgruppen die Vorläufer unserer heutigen Blasmusik dar.

Es wird angenommen, dass in den osmanischen Heeren Roma als Waffenschmiede, aber auch als Musiker tätig waren.

Bei den ungarischen Magnaten waren diese Militärmusiker eine beliebte "Kriegsbeute", die Musik war an den Höfen überaus beliebt und geschätzt. Im 16. Jahrhundert hatte Balthasar Batthyány von Güssing eine eigene Musikkapelle, die sich aus türkischen Kriegsgefangenen und "Pharaones" (eine Bezeichnung für Roma angelehnt an "Ägypter") 06-4-10-1 2zusammensetzte. 
Die Musik muss schon aufgrund der instrumentalen Zusammensetzung - Geigen, Zimbal, Dudelsack, Trompete, Trommel, Laute - eine besondere Attraktion gewesen sein. Diese Kapellen stellten die seltene Möglichkeit in jener Zeit dar, außereuropäische Musik und unbekannte Weisen zu hören.

Romamusiker waren auch in den nachfolgenden Jahrhunderten an den ungarischen Adelshäusern sehr beliebt. Man kann daher annehmen, dass dies eine wesentliche Vorbildfunktion für die bäuerliche Bevölkerung hatte. Ab dem 18. Jahrhundert war die Musik der Roma auch für breitere Bevölkerungsschichten zugänglich. Die Betätigung im Unterhaltungssektor - in der Musik, wie auch in der Schaustellerei - war einer der wenigen Bereiche, den man den Roma zugestanden hatte.


Kapellen - Bandas

06-4-10-2 1Anfang des 20. Jahrhunderts schlossen sich Musiker zu Kapellen, so genannte "Bandas" zusammen. Sie spielten bei diversen festlichen Anlässen der Nicht-Roma und versuchten so ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Um auch in anderen Orten auftreten zu können, brauchten die Musiker von den Behörden ausgestellte Lizenzen - Gelegenheitsmusiker durften nicht öffentlich auftreten. 
Kapellen, die nur aus Streichern bestanden, waren selten, meist wurden sie von einer Knopfharmonika begleitet. In manchen Orten, wie z.B. in Stegersbach, gab es zwei Kapellen - eine besetzt mit Streichinstrumenten und eine mit Blechblasinstrumenten. 
Die Kapellen wurden für Tanzveranstaltungen, Hochzeiten, Dorfveranstaltungen und Faschingsumzüge engagiert. Meist waren sie billiger als die bäuerliche Musikkapelle, und man nutzte ihre finanzielle Notlage aus und feilschte um den Preis.

06-4-10-2 3Zu bestimmten Feiertagen (Neujahr, in der Weihnachtsnacht und am Josefitag) gingen sie von Haus zu Haus und überbrachten den Bewohnern einen musikalischen Gruß.

In vielen Orten des Burgenlandes waren die Romamusiker nicht vom Unterhaltungssektor wegzudenken.

1938 wurde den Roma per Gesetz das Musizieren verboten. Alle ausgestellten Lizenzen für Kapellen und Alleinunterhalter wurden eingezogen. 
Dies trug u.a. zum Klima der zunehmenden Romafeindlichkeit bei und bildete mit anderen Verboten den Beginn der Verfolgung und Vernichtung in der NS-Zeit.

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Der Musiker Eduard Babits aus Güssing

06-4-10-3 1"Eduard Babits, alias "Zigeuner-Edi", hat allezeit der edlen Musica, einer der schönsten und herrlichsten Gaben Gottes, gehuldigt und Zeit seines Lebens die Herzen seiner Mitmenschen durch das Spiel der Ziehharmonika oder den Saitenklang entzückt und erfreut. Obwohl in Neustift, hart an der Hottergrenze gegen Güssing, wohnhaft, gehörte er zum Erscheinungsbild der Gemeinde Güssing; er galt hier schlechthin als unumstrittene Symbolfigur der beliebten Zigeunermusik. Ihm, einem Menschen arischer Zunge, wurde seine Abstammung von den "dunklen Söhnen des Waldes" zum Verhängnis. Der Rassenwahn des Nationalsozialismus fand kein Bescheiden und kannte keine Grenzen.

Eine amtliche Meldung vom 26. Juni 1939 besagt: "Der Großteil der Zigeuner des ehemaligen Burgenlandes wurde, soweit sie arbeitsscheu sind, eingezogen und der Kripo in Graz überstellt, wo sie in Arbeitslager eingewiesen wurden. Im Stationsbereich (Postenrayon Güssing) wurden zehn Zigeuner in diese Aktion einbezogen." Diesem ersten "Kontingent der Verdammten" gehörte Eduard Babits nicht an. Am 24. September 1939 wird von einer "Zigeunerevidenz" berichtet. Ohne Zweifel erfolgten weitere Deportationen. Die aus der Gefangenschaft nach dem Zweiten Weltkriege zurückgekehrte Gattin des "Zigeuner-Edi" berichtete, dass ihr Gatte in der Gaskammer eines NS Konzentrationslagers eines qualvollen Todes sterben musste. Angeblich erfüllten ihm die NS-Schergen den Wunsch, mit seiner Ziehharmonika in die Todeskammer schreiten zu dürfen."

Quelle: P. Hajszànyi: Bilder-Chronik der Stadt Güssing, S. 344

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