Glaube

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Die Religion

Es ist viel darüber spekuliert worden, wie die ursprüngliche Religion der Roma vor über 1000 Jahren ausgesehen haben mag. Gesicherte Aussagen darüber sind unmöglich. Roma sind über Jahrhunderte hinweg in Kontakt mit verschiedenen Religionen und Weltanschauungen gewesen und mussten sich je nach Land und Glaubensbekenntnis unterschiedlich anpassen.

Daher finden wir heute unterschiedliche Glaubensbekenntnisse. Es gibt viele Roma, die katholisches oder protestantisches Glaubensbekenntnis haben, am Balkan und in der Türkei bekennen sie sich zum Islam, andere wiederum sind serbisch orthodoxen Glaubens, und vieles mehr. Manche bekennen sich auch zu einzelnen kirchlichen Erneuerungsbewegungen wie der Pfingstkirche.

Trotz der vielfältigen Unterschiede lassen sich manche Gemeinsamkeiten erkennen, wie

der Glauben an ein höchstes gutes Wesen und eine dunkle böse Gegenmacht, die Verehrung von Muttergottheiten, rituelle Reinheitsvorstellungen, Verehrung der Vorfahren und
der Glaube an die Geister der Toten.

Diese Gemeinsamkeiten werden in den einzelnen Gemeinden und Gruppen unterschiedlich praktiziert. In jenen Gebieten, wo mehrere Ethnien und Religionen zusammenleben, werden auch manchmal Feste der Andersgläubigen mitgefeiert.


Verehrung der Ahnen

06-3-2 1Der Respekt vor und die Verehrung der Ahnen nimmt in der Religiosität der Roma einen bedeutenden Platz ein. Die Trauer, das Gedenken an die Verstorbenen und die Verteidigung des Ansehens der Verstorbenen sind wesentliche Elemente.

Rund um das Sterben und den Tod gibt es ein eigenes Weltbild und zahlreiche, unterschiedliche Verhaltensregeln. Mit dem Tod kommt der Mensch in einen anderen Seinszustand; Verstorbene können zeitweise als Geistwesen zu den Lebenden zurückkehren und ihnen behilflich sein, sie aber auch bestrafen. Diese Geistwesen werden als mulé (Einzahl: muló) bezeichnet. Nicht allein deshalb darf man von seinen Ahnen nur mit besonderem Respekt und besonderer Verehrung sprechen.

Die Verehrung der Vorfahren bindet Gruppen, Verwandtschaften und Gemeinschaften auch sehr enganeinander und verpflichtet zu gegenseitiger Unterstützung. Bei besonders schwierigen Situationen bittet man die Ahnen um ihre Hilfe.

Sterben und Tod gehören einer anderen Welt an, sind ein anderer Seinszustand und müssen daher mit größtem Respekt behandelt werden. Dieser andere Seinszustand wird als unrein betrachtet. Alle Gegenstände und Menschen, die mit dem Toten in Berührung gekommen sind, werden auch unrein. Die Menschen, vor allem die Angehörigen werden durch ihre Trauer und durch verschiedene Trauerrituale wieder rein. Gegenstände, die der Tote besessen hat, werden verkauft (zum Beispiel Schmuck), Kleidung wird verbrannt. Das Feuer hat eine reinigende Kraft. Deshalb würde ein Rom/eine Romni auch nie Kleidung eines Verstorbenen tragen.

Je nach Land, Region und Religionszugehörigkeit wird der Ahnen unterschiedlich gedacht.

 

Die Verehrung der Muttergottes Maria

06-3-3 1Bei vielen Romagruppen hat die Verehrung der heiligen Maria eine große Bedeutung. Marienwallfahrten finden daher in fast allen europäischen Ländern statt - in Österreich nach Mariazell, in Ungarn nach Csatka, in Rumänien nach Radna, in Belgien nach Banneux, in Italien nach Pomezia, Rom und Modena, in Spanien zur Virgen de la Sierra bei Cabra, nach Granada und Sevilla.

Gründe dafür sind sicherlich in der Bedeutung der Verehrung der Muttergottes zu suchen. Seitens der Kirche wurden Marienwallfahrten sehr unterstützt und oft auch ins Leben gerufen. 1958 wurde von Papst Pius XII. die so genannte "Nomadenseelsorge" gegründet, um die Roma zu betreuen. In den darauffolgenden Jahren wurden Wallfahrten für Roma nach Lourdes, Fatima, Banneux usw. veranstaltet. Oft war dabei das Bedürfnis nach regelmäßigen Treffen mit ein Grund für die Abhaltung von Wallfahrten.

Neben Fatima und Lourdes ist sicherlich Saintes-Maries de la Mer das berühmteste Wallfahrtsziel der Roma.

06-3-3 2Jedes Jahr pilgern tausende Roma, Sinti und Calé im Mai (23.-25.) nach Saintes Maries de la Mer (bedeutet: "Die heiligen Marien am Meer") in Frankreich. Neben Maria Jakobäa und Maria Salomäa wird hier Sarah verehrt, die von den Roma als "Heilige" verehrt wird.

Der Ort war bereits im 13. Jahrhundert Ziel von Wallfahrten. 1450 wurden in der damaligen Kirche Ausgrabungen unternommen und die Reliquien der beiden Marien gefunden, in der Kapelle wurden die Gebeine der Sarah entdeckt.

Bereits seit dem 15. Jahrhundert sollen die Roma aus Südfrankreich regelmäßig nach Saintes-Maries de la Mer kommen und hier vor allem die "Heilige Sarah" verehren.

Sie wird als Schwarze Madonna dargestellt, von ihrer Statue sollen Heilkräfte ausgehen. Sie ist bis jetzt aber noch nicht offiziell heilig gesprochen.

An den Wallfahrtstagen werden die Reliquienschreine der drei Heiligen gezeigt und eine Prozession zum Meer veranstaltet.


Verehrung von Sarah

06-3-4 1Es gibt zwei Legenden über die Verehrung der Sarah:

Die Mütter der Apostel Jakobus und Johannes, Maria Salomäa und Maria Jakobäa, sind mit einigen anderen Christen nach dem Tode von Jesus Christus auf einem Schiff ohne Ruder und Segel auf offenem Meer ausgesetzt worden. Sie hatten weder Wasser noch Nahrungsmittel. Kurz bevor das Schiff ablegte, bat auch die ägyptische Dienerin Sarah mit ihren beiden Herrinnen Maria Jakobäa und Maria Salomäa mitkommen zu dürfen, um mit ihnen zu sterben. Das Schiff trieb jedoch wie von unsichtbarer Hand gelenkt über das Meer und landete an der Stelle, an der heute Saintes-Maries des la Mer liegt. Sarah wurde getauft und half die christliche Gemeinde mit aufzubauen.

Quelle: Institut für Kulturanthropologie und Europäische Ethnologie der Johann Wolfgang Goethe-Universität: Zigeuner und wir. Frankfurt/Main, 1979

Die zweite Legende wird hauptsächlich von den Roma erzählt: "Eine der Unseren, der als erste die Offenbarung zuteil wurde, ist Sarah-Kâli gewesen. Sie stammte aus edler Familie und stand an der Spitze ihres Stammes am Ufer der Rhône. Sie kannte alle Geheimnisse, die ihr übermittelt worden waren. In der Nähe der Rhône bearbeiteten die Stämme die Metalle und handelten mit diesen. Die Rôm besaßen zu dieser Zeit eine polytheistische Religion, und einmal im Jahr nahmen sie die Statue der Ishtari (Astarte) auf die Schultern und wateten mit ihr durch das Meer, damit sie es segne. Eines Tages hatte Sarah Visionen, die sie davon in Kenntnis setzten, dass die heiligen Frauen, die bei Christi Tod anwesend gewesen waren, eintreffen würden und sie ihnen behilflich sein müsse. Sarah sah sie in einer Barke kommen. Das Meer ging hoch, und die Barke drohte zu kentern. Sarah warf ihr Gewand über die Wogen, bestieg es wie ein Floß, trieb so bis zu den Heiligen und half ihnen das Land zu erreichen. Die Heiligen tauften Sarah und predigten unter den Gadsche und unter den Rôm das Evangelium."

(Quelle: Clébert, 1967, 157)

 

Die Roma und die katholische Kirche

Erstmals werden Roma in Italien 1422 erwähnt. Eine Gruppe von ungefähr 100 Personen wollte nach Rom reisen, um vom Papst Schutz für die Durchreise durch die Gebiete der katholischen Kirche zu erbitten. Öfters berichten Chroniken, dass Roma Schutzbriefe des Papstes innehatten und als Pilger angesehen wurden.

06-3-5 1Ende des 15. Jahrhunderts, als die Stimmung den Roma gegenüber schwankte, akzeptierten die weltlichen Herrscher (italienische Herzöge und Fürsten) dieses Pilgerdasein nicht mehr und verfolgten die Roma, indem sie sie für vogelfrei erklärten. Sie schoben sie über die Grenzen ab - wie anderorts in Europa. Auch von der katholischen Kirche wurde generell das Pilgerdasein nicht mehr so positiv bewertet.

Nach dem ausgehenden Mittelalter und den Kreuzzügen begann innerhalb der Kirche eine Zeit der Besinnung nach "Innen". Neue Wege wurden gefunden, um die Seelsorge zu reformieren. Dies führte zu einer strengen Trennung der Welt in Gläubige und Ungläubige (Heiden, Häretiker, Roma). Es gab zahlreiche Vorschläge und Maßnahmen der Inquisition, wie mit Gottlosen umzugehen ist. Nach der Provinzialsynode von Mailand 1565, wurden jene Personen aus der christlichen Gemeinschaft ausgeschlossen, die keinen festen Aufenthaltsort hatten und kein ehrbares Gewerbe ausübten. Dies bezog sich auf Schauspieler, Glücksspieler, Roma, u.a. Aber es gab auch immer Beispiele von aufgeschlossenen Priestern, die die Roma unterstützen. Der Heilige Phillip Neri 1515-1595 kämpfte erfolgreich gegen den Einsatz von Roma als Galeerensklaven in der päpstlichen Flotte.

Ab dem 19. Jahrhundert ist eine liberalere Haltung zu erkennen. Im 2. Vatikanischen Konzil (1962-1965) wurde beschlossen, sich vermehrt der Verbesserung der Situation der Roma und ihrer Seelsorge zu widmen. Es wurde die "Nomadenseelsorge" gegründet. Auch Johannes Paul II. setzte diesen Weg fort. Unter Papst Johannes Paul II. wurde der erste Rom "El Pelé" selig gesprochen.

Zu Beginn des Jahres 2000 entschuldigte sich der Papst bei allen Ethnien und Religionen (darunter auch die Roma und Sinti), denen durch die katholische Kirche besonderes Leid zugefügt wurde.

 

El Pelé (1861-1936)

06-3-6 1Ceferino Giménez Malla, genannt El Pelé, war ein spanischer Rom - ein Caló - und wurde am 4. Mai 1997 in Rom seliggesprochen.

Die Familie von Pelé wanderte durch Nordspanien und Südfrankreich. Er lebte in jungen Jahren als Korbflechter und Pferdehändler.

Als er einem Tbc-kranken Mann geholfen hatte, unterstützte ihn dieser in seinen wirtschaftlichen Unternehmungen sehr, so dass er sich einen gewissen Reichtum erwirtschaften konnte. Niemals vergaß er den Armen, Calé (Roma) wie Payos (Nichtroma), zu helfen. Er war sehr gläubig und bereit für seinen Glauben zu sterben. Als 1936 der Bürgerkrieg ausbrach, wurden viele Priester inhaftiert und ermordet. Da ein junger Priester von den Milizen verhaftet wurde, wollte er ihm zu Hilfe kommen und wurde selbst inhaftiert. Man fand einen Rosenkranz bei ihm. Er ließ von seinem Glauben nicht ab und wurde 1936 zusammen mit anderen Priestern und Laien erschossen.

 

AVE MARIA auf ROMANES

Palikeras tuke Maria, 
pherde kamipeha le delestar, 
o del hi tuha, 
tu sal oja dschuvli telo dschuvla, 
sava o del ar rodija, 
taj ar rodim hi o fatschu, 
save tu telo vodschi ledsches. 
Kerveschni Maria, 
le devleskeri daj, 
molin amenge grihanenge, 
akan taj and'aja ora kada meraha.

Ave Maria 
Gegrüßet seist du, Maria, 
voll der Gnade,
der Herr ist mit dir. 
Du bist gebenedeit unter den Frauen, 
und gebenedeit ist die Frucht deines Leibes, Jesus. 
Heilige Maria, Mutter Gottes, 
bitte für uns Sünder 
jetzt und in der Stunde unseres Todes. 
Amen.

Übersetzung: Erika Horvath