Kultur der Roma

Eigen- und Fremdbeziehungen

Roma wird hier als Sammelbegriff für Roma, Sinti und Calé verwendet.

Die Roma sind wahrscheinlich jene Ethnie (Volk), die von Nichtroma die meisten Namen zugeschrieben bekam. "Zigeuner" ist wahrscheinlich die am weitesten verbreitete Bezeichnung. In Griechenland wurden Mitglieder einer griechischen "Sekte" / Glaubensgemeinschaft als athinganoi "die Unberührbaren" bezeichnet. Dies war eine abwertende Bezeichnung, die auf Roma übertragen wurde und in verschiedene Sprachen Eingang fand ("Zigeuner", "Czingari", "Tsiganes", "Cygani", etc.).

Im Englischen werden die Roma als "Gypsies", im Spanischen als "Gitanos" bezeichnet. Beides leitet sich von "Ägyptern" ab. Bevor Roma nach Mitteleuropa kamen, lebten viele in Griechenland, in einer Region, die als Kleinägypten bezeichnet wurde. In Frankreich werden die Roma als "Bohémiens" bezeichnet, nach Böhmen einer ihrer Wanderstationen. Unter dem Ausdruck versteht man auch eine freizügige Lebensweise.

Alle diese Bezeichnungen, die ihnen von den Nichtroma gegeben wurden sind mehr oder weniger Pejorative, d.h. abwertende Bezeichnungen und Schimpfwörter.

Roma ist die Eigenbezeichnung und bedeutet in Romanes, der Sprache der Roma, Mensch.

Die Eigenbezeichnung der Sinti ist wahrscheinlich von dem ursprünglichen Siedlungsgebiet Sindh (Nordindien, Pakistan) abgeleitet. Die Sinti sind eine eigene Gruppe, die vor allem im mitteleuropäischen Raum lebt.

Calé, die Eigenbezeichnung der spanischen Roma, leitet sich wahrscheinlich von kalò (=schwarz) ab. Dies könnte von einer Stammesbezeichnung herrühren, auch eine Verbindung zur indischen Göttin Kali ist möglich.

Die Roma haben für die Nicht-Roma verschiedene Bezeichnungen, die jedoch nie die negativen Bedeutungen hatten wie jene Fremdbezeichnungen, die die Roma bekamen.

Am Balkan: Dasa - bedeutet "Fremde"

In Mitteleuropa: Gadsche - bedeutet "Nicht-Roma", "Fremde"

In islamischen Ländern: Horahaj - wahrscheinlich einen Ableitung von Chorasan, eine Region im Iran, in die sie vertrieben wurden.

Auf der Iberischen Halbinsel: Payos - "Nicht-Roma", "Fremde".

 

Intakte Soziostruktur – Die Familie

06-2-2 1Sozialer und kultureller Mittelpunkt im Leben der Roma war und ist die Familie. Bis in die Zwischenkriegszeit war die Großfamilie ausschlaggebend für alle wirtschaftlichen und sozialen Beziehungen. Bereits seit der Mitte des 19. Jahrhunderts verschlimmerte sich die Situation der Roma immer mehr. Durch Wirtschaftskrisen und soziale Spannungen war man auf den Zusammenhalt in der Großfamilie immer wieder angewiesen. Nur etwa ein Drittel der ursprünglich 06-2-2 211.000 österreichischen Roma überlebte die Konzentrationslager.

Verschiedene Formen der sozialen Organisation (Verwandtschaft, Großfamilie, Patenschaften, wirtschaftliche Verbindungen) waren zerstört. Aus Angst vor weiteren Benachteiligungen passten sich die wenigen Überlebenden auch in ihren sozialen Lebensformen an die burgenländische Mehrheitsbevölkerung an. Aufgrund von Armut und der sozialen Außenseiterrolle der Roma bot das Leben in 06-2-2 3der Familie zweierlei: Schutz nach außen, gegen die Umwelt der Nicht-Roma, sowie sozialer und wirtschaftlicher Rückhalt nach innen. Strenge Sitten und Regeln bestimmten die soziale Ordnung; wer dagegen verstieß, konnte im schlimmsten Fall sogar von der Gruppe ausgeschlossen werden. Verheiratete Männer nahmen im Sozialverband eine hohe Stellung ein. Die Frauen waren ihren Männern, Vätern, Brüdern, aber auch der Schwiegermutter untergeordnet. Die Roma-Frauen hatten ein gewisses Maß an Autonomie und Autorität, weil sie einen großen Teil des Familieneinkommens bestritten. Die Kinder übernahmen bereits 06-2-2 4früh, etwa ab dem sechsten Lebensjahr, Verantwortung, trugen zum Familieneinkommen bei und betreuten kleinere Geschwister.

Die Alten waren im Familienleben voll integriert: Sie betreuten die Kinder, waren wichtige Ratgeber und gaben den nächsten Generationen kulturelle Traditionen und die Sprache weiter. Zur Großfamilie zählten neben den Großeltern auch die Stief- und Adoptivkinder, außer- und uneheliche Kinder, sowie verwitwete oder alleinstehende Familienangehörige. Auch die angeheiratete Verwandtschaft wurde als zur Großfamilie gehörig betrachtet.

06-2-2 506-2-2 6


Mehrsprachigkeit

"Die Zigeuner sind keine Linguisten, doch sie sind polyglott."

(Erzherzog Josef von Habsburg: Zigeunergrammatik, 1888)

Innerhalb der Großfamilie und im Kontakt mit anderen Roma-Gruppen wurde Roman (Sprache der Burgenland-Roma) gesprochen. Die Sprache war (und ist) primäres Identitätssymbol der Roma und wurde vor den Gadsche in der Regel geheim gehalten. Mit den Gadsche wurde Deutsch oder - je nach Siedlungsgebiet - Kroatisch und/oder Ungarisch gesprochen.

Die meisten Burgenland-Roma waren vor dem Zweiten Weltkrieg vielsprachig. Neben Roman sprachen sie die Staatssprache Deutsch, die Ortssprache und meist die der Nachbardörfer, das heißt je nach Siedlungsgebiet Ungarisch oder Kroatisch, und im äußersten Süden des Burgenlands zum Teil auch Slowenisch.

Quelle:
Josef Archiduc Austriae: Fundamentum linguae Zingaricae. Hrsg. gemeinsam mit Thewrewk E.P., Budapest, 1888, S. 7


Rechtsvorstellungen

06-2-4 1Mit einigen wenigen Ausnahmen hatten die Roma in der über 500jährigen Geschichte in Europa nie die Möglichkeit, eigene bürokratische Strukturen oder Institutionen aufzubauen.

Trotzdem haben sich in fast allen Romagemeinschaften komplexe Rechtsvorstellungen entwickelt. Dies war, und ist es teilweise heute noch, ein Rechtssystem, das für alle Mitglieder der Gemeinschaft Geltung hatte und hat, dessen Einhaltung von der Gemeinschaft kontrolliert und bei Übertretungen und Fehlverhalten geahndet wurde und wird.

Diese Rechtsvorstellungen beziehen sich auf den Umgang der Mitglieder in der Gemeinschaft, auf den Umgang mit Nicht-Roma und auch auf Verstöße gegen Reinheitsvorschriften.

06-2-4 2Bei den Kalderasch in Polen werden Rechtsvergehen in große und kleine Verstöße eingeteilt. Große Verstöße sind beispielsweise Verrat an der eigenen Gruppe, wie auch Mord und Diebstahl an Angehörigen der eigenen Gruppe. Bei den spanischen Roma zählt die Missachtung der Ahnen auch zu den groben Verstößen. Kleinere Verstöße sind beispielsweise die körperliche Bedrohung anderer Roma oder sexuelle Beziehungen mit Nicht-Roma.

Geahndet werden die Verstöße, indem ein Gericht einberufen wird. Die Richter sind von den betroffenen Parteien zu bestimmen. Sie sind alte, erfahrene und gesellschaftlich hoch angesehene Männer. Sie untersuchen den Fall und sprechen in der Verhandlung analog nach überlieferten Fällen die Urteile. Zu den härtesten Urteilen zählt sicherlich der Ausschluss aus der Gemeinschaft.

Solche Rechtsvorstellungen, die vor allem bei vielen Ethnien im außereuropäischen Bereich heute noch Geltung haben, werden auch gesprochenes Recht (im Gegensatz zum geschriebenen staatlichen Recht) oder Gewohnheitsrecht genannt.

06-2-4 306-2-4 4

 

Reinheit und Unreinheit

In den verschiedenen Romagemeinschaften in und außerhalb Europas gibt es bestimmte Vorstellungen darüber, welche Bereiche im Leben rein oder unrein sind.

Die Konzepte von Reinheit/Unreinheit sind je nach Gemeinschaften unterschiedlich ausgeprägt und werden im Alltag mehr oder weniger befolgt. Die Ideologie von Reinheit/Unreinheit ist ein wesentlicher Faktor für die Gruppenzugehörigkeit und für die sozialen Beziehungen. Diese Vorstellung von Reinheit und Unreinheit haben bezüglich ihrer gesellschaftlichen Bedeutung einige Ähnlichkeiten mit den jüdischen Reinheitsvorstellungen.

Innerhalb der unterschiedlichen Vorstellungen bestimmter Roma-Gruppen lassen sich einige Gemeinsamkeiten erkennen. Das Konzept von Reinheit und Unreinheit umfasst den menschlichen Körper, die lebenden und toten Mitglieder der Roma-Gemeinschaft und Nicht-Roma, aber auch die Umwelt.

06-2-5 1Am menschlichen Körper gilt die obere Körperhälfte als rein, die untere Körperhälfte, vor allem die der Frauen, ist generell unrein (marime). Getrennte Waschungen der oberen und unteren Körperhälfte sind in manchen Romagruppen absolutes Muss. Speziell der weibliche Körper gilt als Quelle der Unreinheit, da Geburt und Menstruation einen besonderen Zustand darstellen. Frauen werden während dieser Zeit oft gemieden und dürfen für die Gemeinschaft keine Arbeiten verrichten.

Totes ist generell unrein. Diese Vorstellung findet man in ähnlicher Form auch im Islam. Alle Gegenstände des Verstorbenen werden vernichtet oder an Nicht-Roma verkauft. Durch jeglichen Kontakt mit dem toten Körper wird man unrein. Die Verwandten des Verstorbenen gelten für eine bestimmte Zeit als unrein (Trauerzeit). Dies kann man als Ausdruck des Respekts, der Achtung und Verehrung der Ahnen, die nun in eine andere Welt gegangen sind, erklären.

Bestimmte Roma-Gruppen sehen Nicht-Roma als unrein an, da sie diese Vorschriften von Reinheit-Unreinheit nicht kennen und nicht befolgen. Ein Rom, eine Romni würde durch einen engeren Kontakt mit Nicht-Roma auch selbst unrein werden.

Wichtige Bedeutung im Reinigungsprozess haben fließendes Wasser und Feuer. Gegenstände von Toten werden nie wieder rein, sie müssen verbrannt werden.

 

Adolf Boko: Reinheit und Unreinheit

Wenn die Zigeuner was essen, z.B. Pferdefleisch, dann ist das eine infame Sache, verstehst du. Das ist wie bei den jüdischen Gesetzen, wie früher, das ist unrein. Da waren auch die Leute manchmal acht Tage unrein. Und so haben es auch die Zigeuner gemacht. Wenn man etwas falsch macht, wird man vielleicht für ein Jahr, für zwei Jahre oder manchmal für immer ausgestoßen. Die Rechtsprecher kommen dann zusammen und reden miteinander und mit dem Mann, und dann wird die Sache geklärt. Aber das ist dann hart, bis es soweit ist. Der Mann muß dann bezeugen, dass er die Tat aus Unwissenheit begangen hat. Dann wird es ihm wieder vergeben. Dann isst niemand mehr etwas von ihm. Man darf nicht mehr sein Geschirr anfassen. Er ist ausgeschlossen. Man kann noch mit ihm reden, aber nicht mehr mit ihm handeln, essen oder trinken, nichts mehr. Das ist dann baletschido. Das ist Tradition, Gesetz. Nicht Tradition, sondern Gesetz ist das. Wie die jüdischen Gesetze. Denk' doch daran, die Juden essen kein Schweinefleisch, das ist verboten. Wenn sie das essen, werden sie von ihren Verwandten ausgestoßen. Das ist dasselbe.

Quelle:
Erich Renner: "Und wir waren auch Naturmenschen". Der autobiografische Bericht des Sinti-Musikers und Geigenbauers Adolf Boko Winterstein und andere persönliche Dokumente von und über Sinti und Roma, In: Studien zur Tsiganologie und Folkloristik, Bd.22, Frankfurt/Main, 1977