Deutschland

Vor über 500 Jahren migrierten Roma nach Deutschland. Ihre Geschichte ist über Jahrhunderte hinweg eine Geschichte der Verfolgung, die ihren schrecklichen Höhepunkt in der grausamen Vernichtung im Holocaust erreichte.
(Verdorfer, 1995, S. 32)


 

Über die Anzahl der in Deutschland lebenden Roma und Sinti gibt es keine offiziellen Zahlenangaben, ihre Zahl wird auf 110.000 bis 130.000 Personen geschätzt. Trotz ihrer sechshundertjährigen Geschichte in Deutschland werden Sinti und Roma generell als Fremde wahrgenommen. Auch heutzutage gehören Sinti und Roma in Deutschland zu den primären Opfern von Diskriminierung, Ausgrenzung und Intoleranz. Trotz der Anerkennung des Holocausts an Sinti und Roma während der Zeit des Nationalsozialismus durch die deutsche Bundesregierung im Jahre 1982, und trotz der Anerkennung der Sinti und Roma als Minderheit im Jahre 1997 lebt der Großteil der Sinti und Roma in Deutschland in Ausgrenzung und Elend.

Bis 2001 erstellte die bayrische Polizei rassistische Profile von Roma und Sinti. Erst nach internationalen und inländischen Protesten und nach einer gerichtlichen Klage von Sinti- und Romaorganisationen vor dem bayrischen Verfassungsgericht, erklärte die bayrische Polizei, diese Vorgangsweise einzustellen. Täterprofile würden ausdrücklich nur noch vier Arten von Verdächtigen aufweisen: Nordeuropäer, Mediterrane, Afrikaner und Asiaten. Das Feld "Personentyp Sinti/Roma" sollte in Zukunft leer bleiben. Die Anerkennung als Minderheit hat keinen Bezug auf Roma, die als Fremde in Deutschland leben - einschließlich der Roma-Flüchtlinge - sowie auf formal staatenlose Sinti und Roma. Flüchtlinge, unter ihnen viele Roma, haben begrenzte Rechte (inklusive eingeschränkter Bewegungsfreiheit) und müssen - oft in speziell eingerichteten Flüchtlingssiedlungen wohnen. Die Lebensbedingungen in den Flüchtlingssiedlungen sind überall in Deutschland bekanntermaßen sehr schlecht. Die Mehrheit der deutschen Sinti und Roma lebt heute in Substandardwohnungen in abgelegenen, segregierten Gegenden und oft in gesundheitsschädlicher Umgebung. Einige Roma und Sintifamilien leben noch in temporären Wohnwagensiedlungen, in denen sie von den deutschen Behörden nach ihrer Rückkehr aus den Konzentrationslagern 1945 untergebracht wurden. Zusätzlich zu den Wohnungsproblemen sehen sich die Sinti und Roma in Deutschland heute mit hoher Arbeitslosigkeit und begrenztem Bildungszugang konfrontiert. In manchen Regionen Deutschlands wurden "temporäre" Wohnmöglichkeiten für Roma und Sinti zur Verfügung gestellt, in denen viele von ihnen heute noch leben. Die Bewohner von 1972 in München errichteten "temporären" Wohncontainern wurden erst 2002 umgesiedelt. Die meisten Maßnahmen zur Verbesserung der Wohnsituation von Roma und Sinti werden offensichtlich ohne Beratung mit den Mitgliedern der betroffenen Gruppen gesetzt, und das oft mit ziemlich negativen Konsequenzen. So wurden zum Beispiel in den 1980er Jahren in Freiburg, im Freistaat Bayern, neue Häuser, Schulen und ein Freizeitzentrum für Sinti in geschlossener Bauweise errichtet, jedoch ohne adäquate Konsultation mit den Sinti oder der lokalen Bevölkerung - einfach aus der Annahme heraus, dass die Sinti zusammen bleiben wollten. Andere Bewohner der Umgebung begannen aber langsam auszuziehen, was zu einer effektiven ethnischen Segregation der Stadt führte. Sinti- und Romawohngebiete befinden sich oft in abgelegenen Gegenden und weisen einen schlechten Erhaltungszustand sowie inadäquate Infrastruktur auf. Solche "kompakten" Wohngebiete deutscher Sinti und Roma, sowie jener Roma, die als Gastarbeiter oder Flüchtlinge nach Deutschland kamen, haben sich als leichte Ziele für rassistisch motivierte, rechtsradikale Anschläge erwiesen. Auch Arbeitgeber können nachgewiesenermaßen - einfach aufgrund der Wohnadresse, allgemein als "Zigeuneradresse" bezeichnet - leicht feststellen, ob ein Bewerber für eine Stellung Roma ist oder nicht. Deutsche Behörden sind wiederholt für die Abschiebungen von Romaflüchtlingen in ihre Ursprungsländer auf dem Balkan kritisiert worden, nachdem viele von ihnen 10 oder mehr Jahre in Deutschland gelebt hatten. Die annehmbarste Form dieser Umsiedlungen besteht im Angebot eines finanziellen Zuschusses für die Transport- und Umsiedlungskosten an freiwillige Rückkehrer. Für jene, die zur Umsiedlung nicht willig oder fähig waren, wurden hingegen die Sozialleistungen gekürzt.

 

Abschiebung ins Elend

Von den 150.000 aus dem Kosovo vertriebenen Roma, flüchteten ca. 23.000 Roma nach Deutschland. Den meisten droht die Abschiebung nach der Unabhängigkeit des Kosovos. Die Bundesrepublik Deutschland unterzeichnete, wie bereits zuvor Österreich und die Schweiz, ein Abkommen zur „Rückführung“ von bis zu 2.500 Menschen pro Jahr. Die Mehrheit dieser gehört der Minderheit der Roma und Sinti an. Die Warnungen von verschiedenen Experten und Menschenrechtlern, dass das Überleben der Roma im Kosovo nicht gesichert ist, ignorierte Deutschland und hält an dem Abkommen fest. Die abgeschobenen Roma müssen mit Elend, Diskriminierung und Gewalt rechnen. Da ein Drittel der Roma keine „Papiere“ hat, gelten sie offiziell als Staatenlose und haben somit keinen Anspruch auf ihren früheren Besitz oder auf Sozialleistungen. Ihre ehemaligen Häuser wurden im Krieg zerstört oder werden heute von Albanern bewohnt, deshalb müssen viele Roma in bleiverseuchten Flüchtlingslagern leben. Außerdem sind die Hälfte der abzuschiebenden Personen minderjährig und sprechen weder Albanisch noch Serbisch, deswegen räumte mittlerweile die Innenministerkonferenz gut integrierten Minderjährigen eine Aufenthaltsperspektive ein.