Schweiz

Die Schweizer Jenischen, deren Zahl auf 30.000 bis 50.000 Personen geschätzt wird, leben heutzutage großteils in Wohnblöcken aus Beton, nur rund 5.000 von ihnen leben noch als Fahrende. Sie sind zum Großteil Abkömmlinge von vazierenden, landlosen Bauern und Handwerkern, die durch den engen Kontakt mit den Roma und Sinti einen eigenen Dialekt mit zahlreichen Romani-Lehnwörtern entwickelt haben. Sie sehen sich selbst als Teil der europäischen Romapopulation. Die Jenischen, deren Nomadismus eng mit dem Erwerb ihres Lebensunterhaltes zusammenhing, reisten traditionell in Familienverbänden. Die Weitergabe handwerklicher Fähigkeiten an ihre Kinder war ihnen wichtiger als der Schulbesuch. Jene Wissenschafter, die in der Schweiz mit der Ausmerzung des Nomadismus betraut wurden, standen stark unter dem Einfluss nationalsozialistischen Gedankenguts und den Ideen der Eugenik. Zwischen 1926 und 1972 wurden die Kinder der Jenischen von der staatlich finanzierten Organisation "Kinder der Landstraße" erbarmungslos verfolgt. Über fast ein halbes Jahrhundert hinweg wurden mehr als 600 Jenischen-Kinder gewaltsam von ihren Eltern getrennt, aus ihrer Gemeinschaft gerissen und bei Pflegeeltern oder in Kinderheimen untergebracht. Viele wurden in Gefängnisse oder Irrenanstalten gesperrt. Diese Verfolgung der Jenischen erfolgte vor allem in den deutsch- und italienischsprachigen Gebieten der Schweiz. Der Skandal kam 1972 ans Licht. Mit diesem dunklen Kapitel ihrer Geschichte konfrontiert, gab der Schweizerische Bundesrat eine historische Studie über diese Periode in Auftrag, um "die Ziele, Strukturen, Finanzierung und Aktivitäten der Organisation `Kinder der Landstraße´ festzustellen." Gemäß dem Bericht dieser Historiker wurden im Jahre 1988 noch immer rund hundert Opfer dieser Wissenschaft im Dienste der Politik in verschiedenen Institutionen festgehalten.