Ehemaliges Jugoslawien

 

Die Gurbeti, Arlije und Kalderasch zählen zu den wichtigsten Gruppen.

Bereits Mitte des 14. Jahrhunderts werden Roma in Dokumenten erwähnt. Teile des heutigen Jugoslawien standen unter osmanischer Verwaltung, deshalb galten auch hier die gesetzlichen Normen des Osmanischen Reiches. Im 18. Jahrhundert kamen größere Gebiete zum Haus Habsburg, weshalb auch hier die Gesetze von Maria Theresia und Joseph II. angewandt wurden.

Im 2. Weltkrieg kämpften viele Roma mit den Partisanen gegen die Faschisten. 120.000 Roma wurden in den Konzentrationslagern der Ustascha-Faschisten ermordet. Das sozialistische Jugoslawien erkannte sie nicht als ethnische Minderheit an. In vielen Teilrepubliken lebten Roma in Ghettos am Rande größerer Städte, oft ohne Infrastruktur und medizinische Versorgung.

"Im Bürgerkrieg scheinen die jugoslawischen Roma zwischen allen Stühlen zu sitzen. Menschenrechtsorganisationen berichten von "Zigeuner"-Bataillonen, die an vorderster Front als Kanonenfutter herhalten. In Mazedonien sollen bei Volkszählungen Roma gezwungen worden sein, sich als Albaner auszugeben; andere mussten bei den Parlamentswahlen gegen ihren Willen pro Serbien abstimmen. In Slowenien wurden die Wahllokale in Romasiedlungen oft gar nicht erst geöffnet. Immer wieder werden Roma auf offener Straße getötet." (Köpf, 1994, S. 90)
Nach der Staatsgründung von Kroatien wurden Roma ausgebürgert, d.h. sie erhielten keine neue Staatsbürgerschaft. In Bosnien wurden sie während der serbischen Angriffe ebenso verfolgt, deportiert und ermordet wie die moslemischen und kroatischen Bosnier.
(ROMA2000)

Serbien
Die Zahl der in Serbien lebenden Roma wird auf 400.0000 bis 600.000 Personen geschätzt. Im Februar 2002 wurde der Roma-Minderheit in Serbien und Montenegro der Status einer staatlich anerkannten nationalen Minderheit zuerkannt. Viele von ihnen leben in segregierten Ghettos außerhalb der Stadtgrenzen mit nur minimaler Infrastruktur und ohne Zugang zu öffentlichen Diensten. Die Situation der serbischen Roma ist beklagenswert.
Sie sind häufig Opfer von Polizeimisshandlungen sowie Belästigungen, Gewalt und erniedrigender Behandlung durch andere gesellschaftliche Gruppen.
Berichte über körperliche Misshandlungen von Roma im Polizeigewahrsam sind alarmierend häufig. Außerdem gibt es zahlreiche Berichte, wonach die Polizeikräfte in Serbien und Montenegro nur ungenügende Maßnahmen zum Schutz von Roma unternehmen, die Opfer von Gewaltverbrechen werden. In der überwiegenden Mehrzahl der Fälle, in denen es zu rassistischen Angriffen auf Roma kam, haben die zuständigen Behörden keine adäquaten Untersuchungen gegen die Täter eingeleitet. In Serbien sehen sich Romakinder im Bereich des Bildungszuganges einer Reihe von Hürden gegenüber. In einigen Fällen haben es Schulen abgelehnt, Romakinder aufzunehmen mit der Begründung, dass sie über keine adäquaten Serbischkenntnisse verfügten. Romakinder werden stattdessen häufig in separaten Klassen untergebracht oder in Sonderschulen für geistig behinderte Kinder eingewiesen. Lehrer und Schulbehörden reagieren auf rassistische Beleidigungen gegen Romakinder kaum in angebrachter Weise.
Außerdem befindet sich eine größere Anzahl von Romakindern, vor allem aus Familien, die vor ethnischen Säuberungen und Gewalttaten aus dem Kosovo geflohen sind, nachgewiesenermaßen überhaupt nicht in der Schule – wobei der Schuleintritt meist an fehlenden Personaldokumenten scheitert. Roma in Serbien und Montenegro werden häufig Opfer von Zwangsräumungen ihrer Behausungen. Es wird allgemein befürchtet, dass solche Zwangsräumungen in Zukunft – vor allem in Belgrad – noch zunehmen könnten, besonders in den zahlreichen informell von Romaflüchtlingen errichteten Siedlungen aus dem Kosovo. Viele Romasiedlungen und ihre Gebäude wurden ohne behördliche Genehmigung errichtet und verfügen weder über fließendes Wasser noch über Strom. Die schlechten Wohnbedingungen und das Fehlen von sauberem Trinkwasser haben in mehreren Romasiedlungen Serbiens bereits zu Krankheiten geführt. Im Jahre 2002 wurden im Hinblick auf die Situation der Roma in Serbien und Montenegro entscheidende Entwicklungen eingeleitet, als eine aus nationalen und internationalen Experten besetzte Kommission – eingesetzt durch das Bundesministerium für Nationale und Ethnische Minderheiten – einen Entwurf für eine Strategie zur Integration und Stärkung der Roma in Serbien vorlegte.

Kroatien
Laut den Ergebnissen der Volkszählung 2001 betrug die Anzahl der in Kroatien lebenden Roma 9.463 Personen. Inoffizielle Schätzungen, die bis zu 150.000 oder sogar 300.000 Personen reichen, erscheinen aber unwahrscheinlich, 30.000 bis 40.000 hingegen eher realistisch. Die Verfassung von 1990 und ihre Novellierung im Jahre 1997 erwähnen die Roma nicht unter den nationalen und anderen Minderheiten Kroatiens. Das Verfassungsgesetz über die Rechte Nationaler Minderheiten aus dem Jahr 2002 definiert überhaupt keine Gruppen namentlich, garantiert jedoch jeder nationalen Minderheit mit mehr als 1,5% Bevölkerungsanteil eine parlamentarische Vertretung. Das Hauptproblem, dem Roma in Kroatien gegenüberstehen, ist die Aussichtslosigkeit, die kroatische Staatsbürgerschaft zu erlangen.
Vielen Roma aus anderen Teilen der ehemaligen Republik Jugoslawien wurde die Staatsbürgerschaft nach dem neuen kroatischen Staatsbürgerschaftsgesetz 1991 verweigert, ein kleiner Prozentsatz besitzt die bosnische oder mazedonische Staatsbürgerschaft, der Rest ist staatenlos. Dadurch wird es für die meisten Roma fast unmöglich, Handelskonzessionen zu erwerben und sie werden in marginalisierte Teile des Arbeitsmarktes gedrängt.
Viele Romakinder besuchen keine Schule, da sie entweder irgendwann – nicht selten in der zweiten oder dritten Klasse – ausgeschieden sind.
Nach Angaben von Romasprechern haben rund 90% der auf dem Territorium Kroatiens lebenden Roma keine Sekundarschule besucht. Es gibt einige Schulen, in denen Romakinder getrennt von den übrigen Schülern unterrichtet werden. Mit spezieller Genehmigung durch das kroatische Unterrichtsministerium wurde im Jahre 1997 im Zagreber Viertel von Kozari Put eine eigene Romaschule gegründet, in der 60 bis 70 Kinder unterrichtet werden können.

Bosnien und Herzegowina
Die Zahl der in Bosnien und Herzegowina lebenden Roma wird auf 40.000 bis 80.000 geschätzt. Die größte Konzentration von Roma findet sich im Kanton Tuzla-Podrinje, wobei es sich jedoch bei vielen von ihnen um dislozierte Personen handelt, die aus serbisch regierten Regionen kommen, die heute zur Republika Srpska gehören. Seit 1999 werden Roma in der Region Tuzla auch als Polizeioffiziere eingesetzt. Im Jahr 2003 beschloss die Parlamentsversammlung von Bosnien und Herzegowina ein Gesetz zum Schutz der Rechte von Mitgliedern nationaler Minderheiten. Das Gesetz verbietet die Diskriminierung von Angehörigen von Minderheitengruppen und deren zwangsweise Assimilierung. Es sichert das Recht aller nationalen Minderheiten, ihre ethnische, kulturelle, sprachliche und religiöse Identität zu bewahren. Nationale Minderheiten haben das Recht auf den privaten und auch öffentlichen Gebrauch ihrer Sprache, auf die Schaffung eigener privater Bildungseinrichtungen, auf Bildungsmaterialien in ihrer Sprache und auf muttersprachlichen Unterricht im öffentlichen Bildungssystem. In seiner gegenwärtigen Form gilt dieses Recht jedoch nur für Staatsbürger von Bosnien und Herzegowina. Vor dem Hintergrund der weitverbreiteten Staatenlosigkeit unter den Roma ist dies sehr problematisch. Im Jahre 2001 wurde ein Nationales Beratungsgremium für Romafragen eingerichtet, um die Aktivitäten von Romavertretungen und öffentlichen Stellen zu koordinieren.
Es besteht aus Vertretern aller relevanten Ministerien, den Mitgliedern des Roma-Rates und Vertretern der internationalen Gemeinschaft. Dieses Gremium hat eine beratende Funktion für das Ministerium für Menschenrechte und Flüchtlingsfragen. Der Vorsitzende des Gremiums ist Mitglied des Roma-Rates. Fehlende Personaldokumente behindert viele Roma an der Ausübung ihrer Rechte. Auch die Wiedererlangung von Besitztümern sowie der Zugang zu Förderungen zur Behebung von Kriegsschäden scheitert oft am Fehlen von Besitzurkunden. Vor dem Krieg lebte die Mehrheit der Romabevölkerung - geschätzte 50 bis 70 % - in Siedlungen, die auf öffentlichem Land errichtet worden waren und von den Lokalbehörden nicht offiziell anerkannt wurden. Leider lassen sich diese Romasiedlungen in Grundbüchern und Besitzkatastern kaum nachweisen. Im Jahre 2002 identifizierte eine OSZE Studie ungefähr 100 solcher Siedlungen mit über 22.000 Einwohnern in über 30 Kommunen. Arbeitslosigkeit und Analphabetismus sind unter den bosnischen Roma weit verbreitet. Die meisten Bewohner der nicht registrierten Siedlungen haben kein Besitzrecht für ihre Grundstücke, obwohl sie zum Teil seit vielen Jahrzehnten dort ansässig sind. Die Romabevölkerung dieser nicht registrierten Siedlungen sind oft der Gefahr ausgesetzt, durch Regierungsbeschlüsse umgesiedelt zu werden, um das Land gewinnbringend zu verwerten. In Sarajewo und Mostar haben die Kommunalverwaltungen begonnen, Sozialwohnungen für Bewohner der nicht registrierten Siedlungen zur Verfügung zu stellen. In den letzten Jahren haben zahlreiche europäische Länder begonnen, viele Flüchtlinge - darunter zahlreiche Roma - wieder nach Bosnien umzusiedeln, wo ihre Chancen auf Reintegration aber minimal sind.

Mazedonien
Offizielle Volkszählungsdaten weisen 52.103 in Mazedonien lebende Roma aus, aber unabhängige Schätzungen reichen von 110.000 bis 260.000 Personen.
Im Jahre 2001 gewährte das mazedonische Parlament den Roma die offizielle Anerkennung als Minderheit. Gemäß den gegenwärtig geltenden makedonischen Gesetzen muss eine Minderheit, um Sprachenrechte in Anspruch nehmen zu können, in einem Verwaltungsgebiet mindestens 20% der Einwohner stellen. Nur im Gemeindegebiet von Suto Orizari machen die Roma mehr als 20% aus und werden daher auch nur in dieser Gemeinde das Recht haben, ihre Sprache im Verkehr mit Verwaltungsbehörden zu benützen. Mazedonien beherbergt eine große Anzahl von Romaflüchtlingen aus dem Kosovo, von denen viele über keine Personaldokumente verfügen. Oft kommen Roma aus Albanien als illegale Migranten nach Mazedonien, um als saisonale Arbeitskräfte Beschäftigung zu finden.

Montenegro
Bei der Volkszählung des Jahres 1991 bekannten sich in Montenegro 3.282 Personen als Roma. Viele Roma ließen sich auch als Albaner, Muslime oder Jugoslawen registrieren. Menschenrechtsorganisationen schätzen die Zahl der in Montenegro lebenden Roma auf 20.000 bis 28.000 Personen, von denen mindestens 7.000 in und um die Hauptstadt Podgorica leben und in kleineren Gruppen rund um die Städte Niksic, Ivangrad, Bar, Tivat und Herceg Novi. Obwohl die montenegrinische Verfassung den Schutz "der nationalen, ethnischen, kulturellen, sprachlichen und religiösen Identität" von nationalen und ethnischen Minderheiten garantiert und die Roma auch als "nationale Minderheit" anerkennt, besitzen zahlreiche montenegrinische Roma nicht die Staatsbürgerschaft, meist aus dem Grund, dass ihnen die notwendigen Dokumente fehlen, um ihre Ansässigkeit in Montenegro nachzuweisen. Da nur wenige Romakinder die Grundschule abschließen, ist der Anteil von Romakindern in Sekundarschulen sehr gering. Obwohl der Grundschulbesuch in Montenegro verpflichtend ist, beharren die montenegrinischen Behörden gegenüber Roma nicht auf die Einhaltung dieser Vorschrift. Unabhängige Beobachter schätzen, dass rund 80% der montenegrinischen Roma ihre Grundschulausbildung nicht abschließen. Die Mehrheit der Roma ist arbeitslos. Jene die Arbeit haben, sind meist als Straßenkehrer oder Landarbeiter beschäftigt. Einige Roma betreiben in kleinem Umfang Handel mit verschiedenen Gütern. Berichten zufolge haben im Jahre 1995 mehrere hundert Nicht-Roma die gesamte Romabevölkerung der Stadt Danilovgrad im Südosten des Landes vertrieben und ihre Siedlung in Flammen gesteckt.

Slowenien
Bei der offiziellen slowenischen Volkszählung 1991 bekannten sich nur 2.293 Personen als Roma, lokale Roma-Führungspersönlichkeiten schätzen ihre Gesamtzahl aber auf bis zu 10.000. Roma stellen die größte offiziell anerkannte Minderheit Sloweniens dar und leben in größerer Zahl vor allem im Prekmurje-Gebiet im Nordosten Sloweniens, in der Dolenska-Region im Südosten sowie in den Städten Maribor, Ljubljana und Velenje. Das 1993 verabschiedete slowenische Gesetz über lokale Selbstverwaltung hält fest, dass "in Gebieten, in denen autochthone Roma leben, die Roma zumindest
einen Repräsentanten in Gemeinderat haben". Jedoch nur eine einzige Lokalbehörde, die Stadt Murska Sobota in der Prekmurje-Region, verfügt tatsächlich über einen Romavertreter im Stadtrat. Die slowenische Gesetzgebung unterscheidet zwischen "autochthonen" Roma – für gewöhnlich versteht man darunter Roma, deren Familien bereits seit einem Jahrhundert oder länger in Slowenien leben – und "nicht-autochthonen" Roma, die in der Regel seit den 1970er Jahren meist aus Bosnien, Serbien und dem Kosovo nach Slowenien gekommen sind. Das größte Problem, dem sich "nicht-autochthone" Roma konfrontiert sehen, ist die Tatsache, dass ihnen von der slowenischen Regierung die Staatsbürgerschaft verwehrt wird. 2002 wurde jedoch eine diesbezügliche Reform in Angriff genommen.
Zur besseren Bekämpfung der hohen Arbeitslosigkeit, schulischer Segregation und der schlechten Wohnbedingungen der Roma verabschiedete die slowenische Regierung im Jahre 1995 ein "Maßnahmenprogramm zur Unterstützung der Roma in der Republik Slowenien", das sich den speziellen Problemen der Volksgruppe widmet. Die Initiative wurde im Jahre 2000 durch das "Beschäftigungsprogramm für Roma in Slowenien" des slowenischen Ministeriums für Arbeits-, Familien- und Sozialangelegenheiten erweitert, das die Wohnungs- und Lebensbedingungen der Roma analysierte und Vorschläge zur Integration der Roma in den Arbeitsmarkt erarbeitete.

(Quelle: Gerhard Baumgartner, Florian Freund: Roma-Politik in Österreich, in der EU und im übrigen Europa
Hg: Kulturverein Österreichischer Roma, Fraktion der Sozialdemokratischen Partei Europas im Europäischen Parlament)

Das andere Gesicht des Krieges