Rom*nija Literatur

An dieser Stelle soll zunächst ein kurzer Abriss der Entwicklung der Literatur der Rom_nija gegeben werden. Die meisten wissenschaftlichen Werke beschäftigen sich vorrangig mit Literatur über Rom_nija beziehungsweise mit den „Zigeunerbildern“ in der Literatur und sind zumeist nicht von Roma selbst verfasst. Als erstes literaturwissenschaftliches Werk über Roma-Literatur von einem Rom gilt Die Literatur der Roma und Sinti von Rajko Djuric.

Djuric wurde 1947 in Serbien geboren und war bis 1991 Journalist und Redakteur bei der Belgrader Tageszeitschrift Politika. Er emigrierte bei Kriegsausbruch nach Deutschland und war von 1990 bis 2000 Präsident der Internationalen Roma Union. Zurzeit lebt und arbeitet er in Berlin und ist neben seinen Tätigkeiten als Lyriker auch Generalsekretär des Internationalen Roma-P.E.N.-Zentrums

Ein Problem, das sich bei der Untersuchung von Roma-Literatur unter anderem auftut, und welches auch Rajko Djuric in einem Interview mit Martin Hatzius bemerkt, ist, dass die Grenzen dieser Literatur nicht immer eindeutig zu fassen sind. Viele Roma-Autor/innen schreiben zum Beispiel in der Sprache des Landes, in dem sie leben, und nicht in Romanes – inwieweit können sie daher als Roma-Autor/innen gewertet werden? Oder wie steht es um jene Autor/innen die in ihren Werken nicht das Rom_nija-Sein an sich thematisieren? Martin Hatzius bringt das Problem in seinem Artikel über Die Literatur der Roma und Sinti auf den Punkt:

„Kann man bei einem Volk, das sich über Jahrhunderte verzweigte und sich unter regional und sozial verschiedenen Bedingungen entwickelte, überhaupt von der Existenz einer ‚Nationalliteratur‘ ausgehen? Ist die gemeinsame Erfahrung von Wanderschaft, Ablehnung, Verfolgung und Vernichtung ein Element, das sprachliche Unterschiede überbrückt und vergleichbare literarische Muster und Themen, Motive und Stimmungen erzeugt, wie Djuric meint? Oder muss man Autoren, die in der Sprache Romanes schreiben, klar von denen unterscheiden, deren Werke sich in der jeweiligen Landessprache mit spezifischen Themen aus dem Erfahrungsbereich der Sinti und Roma beschäftigen? Sind diese beiden Gruppen wiederum von Schriftstellern abzugrenzen, die zwar ihrer Abstammung nach Roma sind, sich aber weder sprachlich noch inhaltlich in ihren Arbeiten dazu positionieren?“[1]

Eine der bekanntesten Literaturwissenschaftler/innen Österreichs, welche sich mit der Roma-Literatur befasst, ist Beate Eder-Jordan. In Ihrer Arbeit Geboren bin ich vor Jahrtausenden …: Bilderwelten in der Literatur der Roma und Sinti, schreibt sie hinsichtlich der Einstufung von Roma-Literatur, die nicht in Romanes verfasst wurde, Folgendes:

„Zweifellos sind literarische Erzeugnisse auf Romanes von besonderem Interesse, da man bemüht ist, Kultur und Sprache der Roma zu ‚retten‘, und hier natürlich der Literatur in der eigenen Sprache (den eigenen Dialekten) ganz besondere Bedeutung zukommt, die in keiner Weise geschmälert werden soll. Aber ich bezeichne jene Literatur, die von Roma in anderen Sprachen produziert wird, ebenfalls als ‚echte Roma-Literatur‘. Ihr Zielpublikum ist zwar vor allem die Welt der Nicht-Roma, aber an diese Welt tritt sie mit konkreten Anliegen heran: mit Protest, mit Anklage, mit Hoffnung auf Verständnis.“[2]

Auf der einen Seite ist Rom_nija-Literatur immer eine Minderheiten-Literatur und für die Autor/innen stellt sich die Frage, ob sie zu einer Minderheit gehören will, da damit auch gleichzeitig eine gewisse Stigmatisierung einhergehen kann. Oft steht dann nämlich nur noch die Herkunft des Autors / der Autorin im Vordergrund und nicht die Qualität seines / ihres literarischen Schaffens. Zur Berufsbezeichnung wird häufig das Wort „Rom_nija“ beigefügt, man ist also nicht mehr Autor/in sondern Roma-Autor/in. Hauptsächlich besteht dieses Problem, auch weil es im Deutschen kein Adjektiv für diese Abstammung, wie etwa „österreichisch“ zu „Österreicher/in“ gibt.

Auf der anderen Seite soll, wie es auch Beate Eder-Jordan erwähnt, die Literatur der Rom_nija erhalten und geschützt werden und dies kann nur passieren, indem man die Werke klar als Literatur der Rom_nija klassifiziert.

Die Geschichte der Literatur der Rom_nija lässt sich jedoch nachbilden: Zu Beginn wurde die Literatur nur mündlich überliefert, besonders beliebt waren hierbei vor allem Märchen, Mythen und Lieder. Die Tradition der mündlichen Überlieferung wurde vor allem in Zusammenkünften des ganzen Stammes zelebriert.

Die Forschungsstelle Rombase in Graz, welche 2003 im Rahmen des Sokrates Programms (ein Aktionsprogramm der EU) und in Zusammenarbeit mit dem Phonogrammarchiv (österreichisches wissenschaftliches audiovisuelles Archiv in Wien) gegründet wurde, beschäftigt sich unter anderem mit der mündlich überlieferten Literatur der Rom_nija. Rombase liefert Information und forscht im sozialhistorischen und -kulturellen Bereich und möchte dazu beitragen, die Vorurteile über die Minderheit auszuräumen.

Es werden folgende Formen unterschieden:

Vakeriben (dt. Märchen, Unterhaltung, Geschichte) war eine Art Zeitvertreib. In Zusammenkünften wurden Geschichten erzählt, sehr beliebt waren Geschichten über Tote oder Familienanekdoten. Diese Geschichten dienten aber auch dazu, Normen und Werte verpackt in Märchen an die nächsten Generationen weiterzugeben, damit diese erhalten bleiben. „Einige Typen von vakeriben können als halb oder nichtformalisierte epische Genres der literarischen Kultur der Roma bezeichnet werden.“[3]

Eine andere Form der Geschichten und Märchen nennt man parmisi. Der Erzähler muss sich hierbei an festgelegte Erzählstrukturen halten, so muss er auf die Wortwahl achten und bestimmte Formeln verwenden – diese sind mit jenen zu vergleichen, die sich auch in Kindergeschichten der deutschen Sprache finden lassen wie etwa: „Es war einmal vor langer Zeit…“ zu Beginn, und zum Schluss „Und wenn sie nicht gestorben sind…“ oder „Danach lebten sie für immer glücklich…“ usw. Besonders beliebte Motive für diese Geschichten, die sich auch mit der Novelle vergleichen lassen, waren Heldengeschichten. Meist war ein junger Rom auf Reisen, erlebte Abenteuer und begegnete einem bösen Widersacher, der auch übernatürliche Kräfte haben konnte. In diesem Fall war es meist ein böser Zauberer oder eine böse Hexe. Hatte der Feind keine magischen Fähigkeiten, so handelte es sich um einen Bauern (oder Nicht-Rom), einen Grafen oder König usw. – allesamt mit schlechten Eigenschaften, gegen die sich der Rom behaupten musste und am Ende siegte. Diese Tradition lässt sich zum Beispiel im Werk Märchen der langen Nächte von Menyhért Lakatos finden, der eben diese Elemente verarbeitet.

Eine weitere Erzählform ist divano. Hierbei handelt es sich um Ereignisse, die jemandem tatsächlich widerfahren sind, die in der Gruppe erzählt und anschließend gemeinschaftlich besprochen werden. Jeder kann sich daran beteiligen und gleichzeitig wird das Gemeinschaftsgefühl gefördert. „Divano ist deshalb eines der kulturell-gesellschaftlichen Regulative des normativen Verhaltens.“[4]

Garude lava (dt. verstecktes Wort) bedeutet sinngemäß Rätsel. Diese Rätsel dienen ebenfalls der Unterhaltung und haben keine festgelegten Erzähltechniken, sondern werden eher spontan erzählt. Hierbei werden nochmals zwei Formen von Rätsel unterschieden, jene die das Wissen über die Roma-Kultur testen und jene, die das Sprachwissen testen. Die Rätsel können aber auch in eine Geschichte oder Märchen eingebunden werden.

„Im Gegensatz zu den besonderen kulturellen Ereignissen, die oft schon im Voraus geplant werden, wie zum Beispiel die Zusammenkünfte für das Geschichtenerzählen oder Musik-, Gesangs-, Tanz- oder Trinkfeste (bašaviben bzw. Mulatšagos), werden Ratespiele nicht vorbereitet.“[5]

Dies stellt den größten Unterschied zu den anderen Erzähltechniken dar.

Die mündliche Erzähltradition ist aber längst nicht ausgestorben, auch wenn immer mehr und mehr schriftliche Werke entstehen. Da – wie schon erwähnt – in den ärmeren Schichten der Rom_nija viele Analphabeten zu finden sind, bleibt das Erzählen erhalten.

Festzustellen, wer die ersten Roma-Autor/innen waren, scheint schwierig, da man nicht wissen kann, ob sich jede/r Roma-Schriftsteller/innen sich zu seiner/ihrer Herkunft bekannten oder welche nicht. Zu den ersten sich bekennenden Rom_nija, die literarische Texte schrieben, gehörten unter anderem:

Adam Tikno (1875-1948)
Alexandro Germano (1893-1955)
Nikolai Pankow (1895-1959)
Michailo Besljudsko (1901-1989)
Iwan Iwanowitsch Rom-Lebedew (1903-1989)
Nina Dudarowa (1903-1977)
Bronislawa Wajs [Papusza] (1908-1987)
Olga Pankowa (1911-1983)

(diese sollen hier nur namentlich und mit Jahreszahl erwähnt werden, um einen ungefähren Zeitrahmen anzugeben)

Rajko Djuric führt in seinem Werk Die Literatur der Roma und Sinti John Bunyan als ersten – jedoch nicht offiziell als Rom lebenden – Autor der Rom_nija-Literatur an.

„John Bunyan (1628-1688) könnte als Begründer der schriftlichen Tradition der Roma-Literatur gelten. Zwar werden seine Werke, unter ihnen das bekannte The Pilgrim’s Progress, bis heute der englischen Literatur zugeordnet, aber Bunyan, Sohn eines Kesselflickers, der zeitweise selbst diesem Gewerbe nachging, war Rom. Er war ein streng puritanischer Moralprediger; als ehemaliger Soldat der Parlamentsarmee Cromwells verbrachte er während der Zeit der monarchistischen Stuart-Restauration wegen seiner religiösen Überzeugung zwölf Jahre im Gefängnis. Sich als Rom zu erkennen zu geben oder sich gar einen Roma-Schriftsteller zu nennen war ihm zu seiner Zeit unmöglich.“[6]

Die Anfänge der Rom_nija-Literatur lassen sich also Mitte des 17. Jahrhunderts festmachen – doch wie schon gesagt, oft entdeckte erst die Forschung Jahrhunderte später, dass es sich um Rom_nija handelte. Es gab zu jener Zeit wenige, die öffentlich mit ihrer ethnischen Zugehörigkeit umgingen.

Djuric hat mit seinem Werk eine umfassende Chronik der Rom_nija-Literatur erstellt und recherchierte die Ursprünge eben jener in beinahe jedem europäischem Land. Interessant ist, dass in den östlichen Ländern Europas mehr Roma-Autor_innen hervortraten als in den westlichen. Neben der Epik und der Dramatik ist es vor allem die Lyrik, die den Hauptteil der Rom_nija-Literatur ausmacht. Die Gedichte werden meist in Romanes verfasst.

 

[1] Hatzius, Martin: Zigeunerpoesie. Rajko Djuric hat die erste systematische Literaturgeschichte der Roma und Sinti geschrieben. Erschienen in: Neues Deutschland, am 16.01.2003. [http://home.balcab.ch/venanz.nobel/ausstellung/ND030116Djuric.htm] (zuletzt eingesehen am 29.07.2015)

[2] Eder-Jordan, Beate: Geboren bin ich vor Jahrtausenden …: Bilderwelten in der Literatur der Roma und Sinti. Mit einem Vorwort von Erich Hackl. Hrsg. vom Slowenischen Institut zur Alpen-Adria-Forschung. Klagenfurt: Drava Verlag, 1993. Seite 78

[3] http://romani.uni-graz.at/rombase/ (zuletzt eingesehen am 20.08.2015)

[4] http://romani.uni-graz.at/rombase/ (zuletzt eingesehen am 20.08.2015)

[5] http://romani.uni-graz.at/rombase/ (zuletzt eingesehen am 20.08.2015)

[6] Djuric, Rajko: Die Literatur der Roma und Sinti. Berlin: Edition Parabolis, 2002. Seite 9

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