Nationalsozialismus

Rassentheorien

Mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten trat sofort eine Reihe von Gesetzen in Kraft, die sich vor allem gegen die nichtsesshafte und nichtchristliche Bevölkerung richtete.

Die Nürnberger Gesetze von 1935 ("Reichsbürgergesetz" und "Gesetz zum Schutz des deutschen Blutes und der deutschen Ehre") stempelte Roma, Juden und Menschen mit schwarzer Haut als Nichtarier und somit als "rassisch minderwertig" und "asozial" ab.
Ihnen wurde die Reichsbürgerschaft abgesprochen und das Wahlrecht genommen. Ehen zwischen "Ariern" und "Nichtariern" wurden verboten.

1936 wurde begonnen, alle Roma systematisch zu erfassen - die Behörden im Burgenland hatten dies bereits seit den 1920er Jahren getan. Die ersten Roma und Sinti wurden in Konzentrationslager gebracht.

1936 wurde die Rassenhygienische Forschungsstelle gegründet. In ihr sollte "wissenschaftlich" bewiesen werden, dass Roma nicht auf Grund äußerer Lebensumstände "asozial" wären, sondern dass dies vererbbar sei. Deshalb sollten sie in Arbeitslager gesperrt und zwangssterilisiert werden.
In der Rassenhygienischen Forschungsstelle wurde neben medizinischen Untersuchungen auch "Ahnenforschung" (Verwandtschaftsverhältnisse der Roma und Sinti) betrieben. Man wollte nachweisen, dass die Roma vorwiegend "Mischlinge" seien, die aus Ehen mit Asozialen und Kriminellen hervorgingen. Der Leiter der "Forschungsstelle", R. Ritter, vertrat die Meinung, dass sie minderwertiges Erbgut in sich trügen, daher asozial, arbeitsscheu und primitiv seien. Man stellte eine Klassifizierung nach "Vollzigeunern" und "Zigeunermischlingen" auf.

Ritter erarbeitete ein "Reichszigeunergesetz", in dem er die "Unterbindung einer weiteren Vermischung zwischen Zigeunern und Deutschblütigen", "Trennung der reinen Zigeuner von den Mischlingen" und "Sterilisation und Isolation" vorsah.

Diese Arbeiten hatten mit Wissenschaft nicht das Geringste zu tun, die Ergebnisse dienten einer Politik der Vernichtung und waren, zusammen mit der systematischen Erfassung, die Grundlagen für die Vernichtung hunderttausender europäischer Roma und Sinti.


Rassenhygienische Forschungsstelle

1936 wurde begonnen alle Roma systematisch zu erfassen - die Behörden im Burgenland hatten dies bereits seit den 1920er Jahren durchgeführt, die ersten Roma und Sinti wurden in Konzentrationslager gebracht. 1936 wurde die Rassenhygienische Forschungsstelle gegründet. In ihr sollte "wissenschaftlich" bewiesen werden, dass Roma nicht aufgrund äußerer Lebensumstände "asozial" wären, sondern dass dies vererbbar ist. Deshalb sollten sie in Arbeitslager gesperrt und zwangssterilisiert werden. In der Rassenhygienischen Forschungsstelle wurde neben medizinischen Untersuchung auch "Ahnenforschung" (i.e. Verwandtschaftsverhältnisse der Roma und Sinti) betrieben. Man wollte nachweisen, dass die Roma vorwiegend "Mischlinge" seien, die aus Ehen mit Asozialen und Kriminellen hervorgingen. Der Leiter der "Forschungsstelle" vertrat die Meinung dass sie minderwertiges Erbgut in sich trügen, daher asozial, arbeitsscheu und primitiv seien. Sie stellten eine Klassifizierung von "Vollzigeunern" und "Zigeunermischlingen" auf.

 Der Leiter der Forschungsstelle Ritter erarbeitete ein "Reichszigeunergesetz" wo er die "Unterbindung einer weiteren Vermischung zwischen Zigeunern und Deutschblütigen", "Trennung der reinen Zigeuner von den Mischlingen", "Sterilisation und Isolation" vorsah. Diese Arbeiten hatten mit Wissenschaft nicht das geringste zu tun, die Ergebnisse dienten einer Politik der Vernichtung und waren zusammen mit der systematischen Erfassung die Grundlagen für die Vernichtung Hunderttausender europäischer Roma und Sinti.


Rober Ritter, Eva Justin und Hermann Arnold

01-6-3 1Führend bei der pseudo-wissenschaftlichen Erfassung und Klassifizierung der Roma und Sinti war der Arzt Dr. Robert Ritter. Ab 1936 leitete er die "Rassenhygienische und bevölkerungsbiologische Forschungsstelle".

Ziel der Untersuchungen dieser "Forschungseinrichtung" war unter anderem zu definieren, wer ein "Zigeuner" war. Ritter sah die Erforschung der Roma und Sinti als ein Teilproblem der Erforschung von Asozialen und konstruierte einen Zusammenhang von unterstellter Rassenzugehörigkeit und vermeintlicher Asozialität. Diese "wissenschaftlichen" Erkenntnisse waren haltlos, unwissenschaftlich und dienten allein der Vernichtungspolitik des NS-Staates.

Die Anwendung der "Nürnberger Blutschutzgesetze" sah Ritter als nicht ausreichend, er vertrat den Standpunkt, dass eine "rassenhygienische und kriminalbiologische Lösung der Zigeunerfrage" notwendig sei. Ritters Arbeiten und Stellungnahmen und die seiner MitarbeiterInnen, Eva Justin, Sophie Ehrhardt und Adolf Würth waren Grundlagen für den Genozid an Roma und Sinti. Die unwissenschaftlichen Ergebnisse dieser ForscherInnen wurden von Politik und Polizei bereitwillig aufgenommen. Im Dezember 1938 gab Himmler einen Runderlass heraus, demzufolge die "Regelung der Zigeunerfrage aus dem Wesen der Rasse" heraus vorzunehmen sei. Dem folgten viele Erlässe, die die Roma und Sinti bis zu ihrer Deportation in ihrem Leben einschränkten (siehe "Festsetzungserlass").

Eva Justin, die Romanes beherrschte, erwarb sich das Vertrauen mancher Roma und Sinti. Sie arbeitete an einer Dissertation unter dem Titel "Lebensschicksale artfremd erzogener Zigeunerkinder". Dafür untersuchte sie Kinder während ihrer Deportation in Auschwitz. Viele der von ihr untersuchten Kinder wurden ermordet.

Hermann Arnold, der spätere Landauer Amtsarzt, war freier Mitarbeiter der "Rassenhygienischen Forschungsstelle". Nach 1945 setzte er seine Arbeiten im Geiste Robert Ritters fort und forderte noch 1972 rassistische Sondergesetze. Bis 1976 war er Sachverständiger für "Zigeunerfragen" von deutschen Regierungsstellen und arbeitete für die "Katholische Zigeuner- und Nomadenseelsorge" Deutschlands.


„Grunderlass“ und „Festsetzungserlass“

01-6-4 11937 ordnete die nationalsozialistische Regierung in Deutschland den so genannten "Grunderlass" an. Dieser galt ab März 1938 auch im Burgenland.

Der "Grundlegende Erlass über die vorbeugende Verbrechensbekämpfung durch die Polizei", kurz Grunderlass, sollte die "Asozialenfrage" regeln. Er zielte insbesondere auf Menschen ohne festen Wohnsitz und jene, die aus verschiedenen Gründen nicht arbeiteten. Diese sollten in Vorbeugehaft genommen werden.
Der "Grunderlass" ordnete weiters die Erfassung aller Roma an, die älter als sechs Jahre waren. Sie mussten sich einer rassenbiologischen Untersuchung unterziehen.
Bald darauf ordnete Heinrich Himmler an, dass arbeitsfähige männliche "Asoziale" in das KZ Buchenwald deportiert werden. Dies galt in besonderem Maß für Roma.
Nach 1937 erhielten Roma Ausweispapiere oder Wandergewerbescheine nur mehr mit besonderer Bewilligung der Kriminalpolizei.

Auf Grund des "Festsetzungserlasses" von Oktober 1939 durften Roma ihren Aufenthaltsort nicht mehr verlassen. Im April 1940 wurde die Deportation aller Roma und Sinti beschlossen.


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Das Programm der „Vernichtung durch Arbeit“

01-6-5 1Zur planmäßigen Durchführung des nationalsozialistischen Völkermords aus Gründen der "Rasse" an 500.000 Sinti und Roma im besetzten Europa gehörte das Programm der "Vernichtung durch Arbeit" ... Als Sklavenarbeiter wurden sie Opfer des Vernichtungsprogramms in SS-Unternehmen und in den deutschen Rüstungsbetrieben ...

Nach Schätzungen des Zentralrates Deutscher Sinti und Roma waren im "Dritten Reich" mehrere Tausend Sinti und Roma aus fast allen nationalsozialistisch besetzten Ländern Europas zur Sklavenarbeit gezwungen worden ... Sklavenarbeit von täglich 12 bis 15 Stunden mit völlig unzureichender und mangelhafter Ernährung war die Regel; sie führte nach wenigen Wochen zu Unterernährung, Krankheit und Entkräftung und zum sicheren Tod der Arbeitssklaven. Hinzu kamen Tausende von Sklavenarbeitern, die von der SS bei der Arbeit misshandelt, erschlagen, erhängt und erschossen wurden. ...

Nach dem Ende der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft wurden Sinti und Roma systematisch um ihre berechtigten Entschädigungs- und Wiedergutmachungsansprüche betrogen.

Quelle: Romani Rose, Walter Weiss: Sinti und Roma im "Dritten Reich". Das Programm der Vernichtung durch Arbeit. Göttingen, 1991


Tobias Portschy

01-6-6 1Nach dem "Anschluss" Österreichs an das Deutsche Reich im März 1938 wurde Tobias Portschy zur zentralen Figur der nationalsozialistischen "Zigeunerverfolgung" im Burgenland. Hitler ernannte ihn noch im selben Jahr zum Gauleiter, SA-Führer und Landeshauptmann des Burgenlands.

Im August 1938 veröffentlichte er seine Denkschrift "Die Zigeunerfrage", die deutlich von den Nürnberger Rassengesetzen beeinflusst war. Seine darin enthaltenen Vorstellungen und Pläne "zur Lösung der Zigeunerfrage" wie das Schulverbot für Romakinder, die Zwangssterilisierungen oder die Einweisung in Arbeitslager, wurden mit Beginn des Zweiten Weltkrieges sukzessive umgesetzt.


Erste Deportationen

01-6-7 1Das ist ja durch ganz Österreich herumgegangen, die Zigeuner dürfen nicht mehr herumreisen, Juden müssen um ihr Leben zittern. Jeder hat das gewusst. Dann ist es mit den Gadsche immer ärger geworden. Wenn sie gesehen haben, da fährt ein Zigeunerwagen zu, haben sie nicht mehr freies Geleit gegeben oder einen Platz angeboten für den Wagen. Die haben jetzt alles zugemacht. Ob das ein guter Gadsche war oder ein böser, er hat bös werden müssen, sonst wäre er von den anderen schlecht beschrieben worden. Auch die Polizei ist dauernd gekommen: "Was macht´s da, verschwindet´s ihr Gsindel! Was macht´s ihr für einen Dreck!" Obwohl gar kein Dreck da war ... Wenn wir uns irgendwo hinstellten, wurde es uns verboten ... Und dann ist die Zeit gekommen, wo wir uns verstecken mussten ... In dieser Zeit hat es schon geheißen, Zigeuner dürfen nicht mehr in die Schule ... Du stehst dort wie ein schwarzer Punkt. Die anderen starren dich an: "Ah, die darf jetzt nicht mehr mit uns in die Schule!" Wie man sich da fühlt, daran denkt kein Mensch ...".

(Ceija Stojka: Wir leben im Verborgenen, S 126-127, 134-135)

Bereits 1938 erteilte das Reichskriminalpolizeiamt Berlin den Befehl, alle männlichen Burgenland-Roma, die nicht bei der Ernte beschäftigt waren, in die Konzentrationslager Dachau und Buchenwald zu überstellen. 232 wurden schließlich deportiert.

Frauen waren in einem noch größeren Ausmaß von diesen ersten Deportationen betroffen. Unter den Ende 1939 in Ravensbrück internierten 2.000 Häftlingen befanden sich auch 440 Roma-Frauen aus dem Burgenland.


Das Lager Lackenbach

01-6-8 1Tobias Portschy legte 1938 in der Schrift "Die Zigeunerfrage" den Grundstein für die systematische Vernichtung der Roma. Die etappenweise Vernichtung setzte sich 1939 mit der Errichtung des so genannten "Zigeunerfamilienlagers“ ("Anhalte- bzw. Arbeitslager") in Lackenbach fort.

Die Roma wurden aus ihren bisherigen Wohnstätten deportiert. Ihr Besitz wurde "arisiert". 

 


Hauptursachen für die hohe Sterberate in den Lagern waren die fehlende medizinische Versorgung, die ständigen Misshandlungen sowie die schwere Arbeit.01-6-8 2

Die Lagerinsassen standen unter einer enormen psychischen Belastung. Die Einweisung ins Konzentrationslager wurde als Repressalie eingesetzt und war schlussendlich nur von der Willkür der zuständigen Aufseher abhängig. Entlassen konnte man nur dann werden, wenn man einen "überwiegend deutschen Blutanteil" nachweisen konnte bzw. im Besitz eines ausländischen Passes war. Dies war jedoch nur in ausgesprochenen Einzelfällen möglich. Neben Lackenbach existierten noch Dutzende weitere "Anhaltelager" in Österreich, die teilweise als Nebenlager von Dachau und Mauthausen dienten.

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Das „Zigeunerlager“ Maxglan/Leopoldskron

Nachdem Österreich in das Deutsche Reich eingegliedert worden war, beschloss der Sicherheitsdienst 1939, dass alle "Zigeuner" nach Polen umgesiedelt werden sollten. Deshalb wurde der "Festsetzungsbescheid" erlassen, das bedeutete, dass alle Roma und Sinti an dem Ort, an dem sie sich gerade befanden, bleiben mussten.

In der Stadt Salzburg wurde das Sammellager Maxglan/Leopoldskron errichtet. Roma und Sinti durften die Stadt nur mehr zu bestimmten Zeiten und mit Sondergenehmigung betreten. 1940 begannen die Nationalsozialisten mit den ersten Transporten nach Polen, aus diesem Grund wurden Roma und Sinti ärztlich untersucht und erfasst. Das Sammellager wurde vergrößert, um auch Roma und Sinti aus der Umgebung nach Salzburg zu bringen. Bis zur Fertigstellung mussten viele von ihnen auf dem Gelände der Salzburger Pferderennbahn leben, jeder Familie wurde eine Pferdekoppel zugeteilt. Die Abschiebung nach Polen wurde jedoch verschoben, die Lebensbedingungen im Lager verschlimmerten sich und die InsassInnen wurden zur Zwangsarbeit genötigt. Ende März 1943 wurde das Lager aufgelöst und der Großteil der im Lager inhaftierten Roma und Sinti wurde nach Auschwitz-Birkenau deportiert.


Sprachwissenschaftliche Forschung

Im Frühjahr 1943 verbrachte der Sprachwissenschaftler Johann Knobloch zehn Tage im burgenländischen "Zigeuner- Anhalte- und Zwangsarbeitslager" Lackenbach - zu Studienzwecken, um, wie er in seiner 1943 erscheinenden Dissertationsschrift Romani-Texte aus dem Burgenland schreibt, "einen Überblick über die Zigeunerdialekte Burgenlands" (Knobloch, 1943, S. 1) zu geben.

Die sprachwissenschaftlichen Forschungen wurden im Auftrag der SS-Forschungsinstitution „Ahnenerbe“ durchgeführt, da man in den Märchen der Roma Reste eines „arischen Mythos“ vermutete. Dies wird aus einem Schreiben des SS-Standartenführers Sievers von Jänner 1943 an den damaligen Dekan der philosophischen Fakultät der Universität Wien, SS-Hauptsturmführer Prof. Dr. Viktor Christian (auch Dissertationsbetreuer von Johann Knobloch), deutlich: 

"[...] Wie ich beim Reichskriminalamt Zentralstelle für Zigeunerfragen in Erfahrung bringen konnte, sind von den annähernd 9000 Zigeunern, die bis vor kurzem im Burgenland sesshaft waren, ca. 5000 bereits umgesiedelt worden. Über die noch verbleibenden 3500 bis 4000 Zigeuner kann Herr [...] von der Kriminalstelle Wien Auskunft geben. [...] Da für die Abfassung des Dissertationsthemas über die Sprache der burgenländischen Zigeuner vermutlich nur wenige Leute verhört zu werden brauchen, würde sich dieses auch im Konzentrationslager Lackenbach bei Wien durchführen lassen. Besondere Eile ist geboten, da, wie die Zentralstelle für Zigeunerfragen mitteilte, in Kürze weitere Aktionen bezüglich Umsiedlung durchgeführt werden würden. [...]"

(Zit. nach Heuß, 1992, 104f) 

Inwieweit Johann Knobloch von dem Hintergrund des Forschungsauftrages und von den konzentrationsähnlichen Zuständen im Lager Lackenbach informiert war, ist nicht bekannt. In einem Interview im Jahre 1990 mit der Literaturwissenschaftlerin Beate Eder (Eder, 1993, S. 241) stritt er ab, etwas davon gewusst zu haben.

1953 wurde die Dissertation Knoblochs gedruckt. In seinen Dankesworten richtet sich Knobloch, ähnlich wie bereits 1943, an die "braunen Kinder dieses sorglosen Völkchens":

„Die Lagerleitung in Lackenbach hat mir die Feldforschung durch verständnisvolles Entgegenkommen erleichtert. Aber auch den braunen Kindern dieses sorglosen Völkchens gilt mein Dank für das entgegengebrachte Vertrauen. Ich habe sie in bester Erinnerung und darf wohl auch hoffen, dass sie den Herrn „Adjutanten“ (wie sie mich irrtümlich nannten, da das Wort „Assistent“ nicht ihrem Erfahrungsbereich angehörte) nicht vergessen haben.“ 

Sämtliche Arbeiten Knoblochs über das Burgenland-Romani nach 1945, deren inhaltliche Qualität hier nicht zur Diskussion steht, basieren auf seinen Forschungsergebnissen im Lager Lackenbach.

(u. a. Knobloch 1950, 1964, 1977, 1984)

Mitläufer oder Mittäter? - Die Frage lässt sich an dieser Stelle nicht erörtern. Tatsache bleibt jedoch, dass wissenschaftliche Forschung über Roma in der Vergangenheit oftmals für politische Zwecke missbraucht wurde oder gar im Dienste dieser stand. Während der NS-Zeit, die mehr als zwei Drittel der in Österreich lebenden Roma und Sinti nicht überlebten, fand dies einen traurigen Höhepunkt.


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„Die Endlösung“

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1941 wurden 2 000 Burgenland-Roma aus Lackenbach vorerst in das Ghetto Lodz und anschließend in die umliegenden Konzentrationslager deportiert. Viele starben bereits beim Transport, andere überlebten die Lagerbedingungen nicht, und die Übriggebliebenen wurden im Gas erstickt. Alle 2.000 Menschen wurden ermordet.

Am 11. November 1941 erteilte der Landrat in Oberwart, Dr. Hinterlechner, die Weisung, dass die "nach der Umsiedlung freiwerdenden" Häuser der Roma "derart zu entfernen sind, daß auch keinerlei Spuren mehr hinterlassen werden. Es sind daher vor allem auch etwaige Grundmauern vollkommen zu entfernen."

Der "Auschwitz-Erlass" vom 16. Dezember 1942 besiegelte dann endgültig das Schicksal der Roma und Sinti. Himmlers Deportationsbefehl richtete sich gegen alle "Zigeunermischlinge, Roma und balkanischen Zigeuner", wobei der in den Nürnberger Rassengesetzen festgelegte "Mischlingsgrad" nicht mehr berücksichtigt wurde. Eine Ausnahmeregelung für sozial angepasste sowie für eine kleine Gruppe "reinrassiger Zigeuner", die als "Exponate" in einem Himmler'schen Freilichtmuseum dienen sollten, bestand eigentlich nur auf dem Papier. Die "Vernichtung" war nunmehr das primäre Ziel. Noch im selben Jahr wurden 2760 österreichische Roma und Sinti nach Auschwitz-Birkenau deportiert. Die überwiegende Mehrheit von ihnen starb nach 01-6-11 3kurzer Zeit entweder in den Gaskammern oder an den Misshandlungen, den Seuchen, an Hunger und den medizinischen Experimenten des Lagerarztes Josef Mengele.

Während der Zeit des Nationalsozialismus wurden ca. zwei Drittel aller österreichischen Roma und Sinti ermordet. Andere Schätzungen sprechen von nur ca. 5-10% Überlebenden. In Unterschützen zum Beispiel - einer kleinen Agrargemeinde in der Nähe von Oberwart - überlebten von 143 Roma vor dem Krieg nur zehn Personen den Genozid. 

Die Opferzahlen spiegeln jedoch nur einen Teil des zugefügten Leids wider. Wie viele der Burgenland-Roma von den Sterilisierungsprogrammen und medizinischen Versuchen betroffen waren, lässt sich nicht feststellen. Ein Großteil der Heimgekehrten war durch Humanversuche gekennzeichnet. Abgesehen von den physischen Schäden waren die psychischen Folgewirkungen enorm.


Das „Zigeunerlager“ in Auschwitz

01-6-12 2Das so genannte "Zigeunerlager" befand sich in Auschwitz-Birkenau im Abschnitt B-II-e. Darin mussten Frauen und Männer gemeinsam mit ihren Kindern unter verheerenden Bedingungen leben. Zahlreiche Epidemien brachen aus. Von Februar 1943 bis August 1944 wurden 20.996 Personen (10.899 Männer und 10.097 Frauen) in das Konzentrationslager deportiert und registriert. Ohne Registrierung erfolgte ein Transport mit 1.700 Personen. Insgesamt wurden 22.696 Roma in dieses Konzentrationslager eingewiesen.

20.309 von ihnen wurden ermordet.

An den verheerenden Bedingungen, an Entkräftung und Krankheit starben etwa 12.000 Roma. 
7.960 Roma wurden in den Gaskammern ermordet:

Ende Februar 1943 1.700 Personen
Am 23. Mai 1943 1.063 Personen
Im Spätherbst 1943 68 Personen
Im Juni und Juli 1944 1.800 Personen
 Anfang August 1944 3.300 Personen 

01-6-12 32.394 Roma (10,4% der Gesamtzahl) waren am 1. August 1944, dem Tag der Liquidierung des "Zigeunerlagers", noch am Leben. Das waren 2.383 Personen, die in andere Konzentrationslager verschickt worden waren, und 11 Frauen die nach der Sterilisation aus dem Lager entlassen worden sind.

(Quelle: Die Auschwitz - Hefte, Hamburg, 1994)

Die Auflösung des Zigeunerlagers in Birkenau begann im August 1944. (…) Die Liquidierung verlief folgendermaßen: Am Nachmittag des 2. August wurde an der Rampe in Birkenau ein leerer Güterzug bereitgestellt. Dann brachte man 1.408 Roma (813 Männer, 105 von 9 - 14 Jahren und 490 Frauen) aus dem Stammlager. Sie sollten in Konzentrationslager im Inneren des Reiches verlegt werden. Die in Birkenau zurückgebliebenen Menschen verabschiedeten sich durch die Drähte des Lagerzauns hindurch von ihnen. Der Zug fuhr um 16 Uhr ab (…). Um 19 Uhr verhängte die Lagerleitung (…) Lagersperre, (…). Beim Zigeunerlager fuhren Lastwagen mit einer Gruppe von SS-Leuten vor, die an der Liquidierung der Roma teilnehmen sollten. 2.997 Frauen, Kinder und Männer wurden in die Krematorien gebracht und dort vergast.

(Aus: Auschwitz in den Augen der SS, Verlag Interpress, Warschau, 1992)


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