Das Attentat

In den neunziger Jahren arbeiteten die nun schon etablierten Roma-Vereine sukzessive an der Verbesserung der Lebensumstände der Roma in Österreich. Sie zirkelten ihre Arbeitsfelder ab und konnten beachtliche Fortschritte erzielen. Der Verein Roma Oberwart widmete sich der Verbesserung der wirtschaftlichen und sozialen Lage der Roma und der außerschulisdchen Lernbetreuung für Romakinder im Grundschulalter.

In der Nacht vom 4. auf den 5. Februar 1995 veränderte sich die Situation der in Oberwart lebenden Roma jedoch schlagartig. 

Vier Bewohner der Roma-Siedlung wurden durch eine Sprengfalle getötet.

Was war geschehen?

Die Bewohner der Roma-Siedlung fühlten sich durch Drohanrufe gefährdet. Auch glaubten einige BewohnerInnen, verdächtige Personen und Fahrzeuge gesehen zu haben. Einige Männer entschlossen sich daher, in den Nächten aufzupassen. Sie dürften an diesem Abend bemerkt haben, wie sich ein Fahrzeug der Siedlung näherte und bei einer Unterführung hielt. Als sie Nachschau hielten, stießen sie auf eine an einem Rohr befestigte Tafel mit der Aufschrift:

01-9 1

Später rekonstruierte die Polizei, dass die Männer wohl rund um diese Sprengfalle gestanden haben mussten, als diese explodierte. Wahrscheinlich wollten sie die Tafel entfernen und lösten dadurch den Zünder aus.
Die Wucht der Detonation war so groß, dass die Männer auf der Stelle starben.
Die zum Teil gräßlich verstümmelten Leichen von Josef Simon (40), Peter Sarközi (27), Karl Horvath (22) und Erwin Horvath (18) werden erst am Morgen des 5. Februar entdeckt. 
Die alarmierten Gendarmeriebeamten deuteten die Sachlage anfangs völlig falsch. Sie verdächtigten die Opfer und gingen von einem Verbrechen aus, bei dem die Männer mit einer “Pump-Gun” getötet worden seien. Die Frage, ob diese (Fehl-) Interpretation durch Vorurteile gegen die Roma-Minderheit beeinflusst war, kann wohl nicht mehr geklärt werden. Die Version einer internen Fehde wurde anfangs auch durch die elektronischen Medien verbreitet. (Wochen später, als längst der Zusammenhang zu den Briefbombenattentaten feststand, wurde sie von Jörg Haider wieder aufgegriffen und ausgeschmückt.)
Erst Kriminalbeamte aus Eisenstadt stellten fest, dass die Männer durch ein Sprengstoffattentat umgekommen waren. Spurensicherer fanden auch die Tafel mit der rassistischen Aufschrift. Dennoch wurde eine Hausdurchsuchung in der gesamten Siedlung angeordnet und durchgeführt, was von den Roma als Schikane und als Demütigung empfunden wurde. 
Vermutungen, wonach die Männer Opfer eines rassistischen Terror-Aktes geworden sind, bestätigen sich, als am 6. Februar in Stinatz eine weiter Bombe detonierte und ein Bekennerschreiben gefunden wurde. 

Das Oberwarter Attentat gilt als der folgenschwerste innenpolitisch motivierte Anschlag der Zweiten Republik. 

Zu dem Attentat bekannte sich eine rechtsextreme Gruppierung (Bajuwarische Befreiungsarmee), die Österreich schon längere Zeit mit Briefbombenserien und Rohrbomben terrorisierte. Die Exekutive konnte einige Jahre später Franz Fuchs als Täter ausforschen, der zu lebenslänglicher Haft verurteilt wurde und in der Haft Selbstmord verübte. Ob Franz Fuchs wirklich als Einzeltäter handelte, was dieser immer bestritt, bleibt bis heute umstritten.

Viele, der in den letzten Jahren, aufgebauten Strukturen und auch der erarbeiteten Erfolge waren durch dieses Attentat in Frage gestellt. Unter den Roma wurden wieder Stimmen laut, die sagten, die Volksgruppe solle sich unauffälliger verhalten und keine Forderungen stellen. Man befürchtete, dass das hohe Maß an Aufmerksamkeit, das den Roma zuteil wurde, weitere Anschläge nach sich ziehen könnte.Doch trotz der berechtigten Verunsicherung wurde der beschrittene Weg fortgesetzt und die Romavereine konnten ihre erfolgreiche Arbeit fortsetzen.

Karl Horvath, geb. am 12.6.1973, gest. am 4.2.1995, ca 23.45 Uhr

Erwin Horvath, geb. am 14.11.1976, gest. am 4.3.1995, ca 23.45 Uhr

Beide Volks- und Hauptschule.

Sie verloren ihren Vater 1988 und wuchsen als Halbwaise auf. Ihre Mutter war Alleinerzieherin von vier Kindern. Nach Absolvierung der Schule war Karl einige Zeit bei Projekten für arbeitslose Jugendliche und Langzeitarbeitslose dabei, danach aber arbeitslos. Erwin hatte nach Schulbeendigung keine Arbeit gefunden. Beide waren sehr ruhige Kinder, die nie auffällig wurden. Ihr Hobby war das Kartenspiel mit Peter und Josef. Ihre Freundschaft zueinander ließ sie auch dann schlussendlich gemeinsam in den Tod gehen.

Der Großvater der beiden war Michael Horvath, von allen im Burgenland nur „Pozzi-Mischka“ genannt. Er hat am Tatort wieder das Grauen verspürt, so wie damals in den Konzentrationslagern.

Karl und Erwin Horvath hatten keine Vorstrafen.

Peter Sarközi (Horvath), geb. am 25.8.1968, gest. am 4.2.1995, ca 23.45 Uhr
Volks und Sonderschule.
Schon als Kind war Peter sehr ruhig und wenig auffallend. Nach Beendigung der Sonderschule einige Zeit arbeitslos, dann Eintritt in verschiedener Arbeitslosen-Projekte unter Leitung von Horst Horvath. Unter anderem Renovierung Burg Schlaining, Schlosshotel Jormannsdorf, Dorfscheune Buchschachen. Nach Beendigung dieser Projekte wieder arbeitslos, weil Peter nie den Ehrgeiz hatte, aus seinem Leben etwas besonderes zu machen. Er war sehr scheu und ging Auseinandersetzungen oder Streit aus dem Weg. Diskussionen mit seinen Eltern über die lange Arbeitslosigkeit beendete er prinzipiell wortlos. Er bezog vom Arbeitsamt nie Arbeitslosengeld, weil er nie darum ansuchte.
Seine Liebe galt vor allem dem Hund „Murli“, einem Dackel, der ihm nie von der Seite wich. Für den Hund ging er tageweise privat arbeiten, um für ihn die Hundesteuer entrichten zu können.
Eine Stunde vor seinem Tod habe ich, sein leiblicher Stiefvater, das letzte Mal mit ihm gesprochen. Anscheinend hatte er irgendwelche Ahnungen, denn er war zu dieser Stunde sehr schweigsam.
Nach Auffindung der vier Opfer war ich mit dem Hund am Tatort und zum ersten Male habe ich einen Hund gesehen, der neben einem Toten saß und weinte. 
Peter hätte nie den Führerschein gemacht und besaß auch kein Auto oder irgendwelche Wertsachen.
Er hatte auch keine Vorstrafen.

Josef Simon (Nardai), geb. am 18.1.1955, gest. a, 4.2.1995, ca 23.45 Uhr
Volks- und Sonderschule
Josef Simon (Nardai) begann nach der Beendigung der Schule als Bauhilfsarbeiter in Wien. Er war Wochen-pendler bis zur Hochzeit mit Judith Simon, deren Familiennamen er nach der Heirat annahm, weil er glaubte, dass der Name Nardai nur Nachtaile für ihn bringen würde.
Er nahm nach der Heirat die Arbeit bei verschiedenen Baufirmen hier im Bezirk Oberwart an und war zum Schluss die letzten zwei Jahre vor seinem Tod arbeitslos.
Er hatte mit seiner Frau Judith, die keine Roma-Frau war, fünf Kinder. Das älteste Kind war beim Attentat knapp fünfzehn, das jüngeste vier Jahre alt.
Josef hatte eine besondere Gabe mit allen Tieren umzugehen, ein Talent, das er von seinem Vater geerbt hatte. In seinem Garten tummelten sich verschiedene Vögel und Hunde.
Beide Eltern von Josef waren im Konzentrationslager.
Der Vater starb in den Achtziger Jahren. Die Mutter war ab 1993 in einem Pflegeheim. Sie hat vom Tod des Sohnes nichts erfahren. Sie starb 1996.
Josef hatte eine Vorstrafe, weil er als Zwanzigjähriger hier im Bezirk Oberwart einige Bau- bzw. Fischerhütten an verschiedenen Teichen aufgebrochen hatte.

Der Text wurde von Stefan Horvath, des Vaters eines anderen der vier Mordopfer verfasst.


Oberwarter Erklärung der Österreichischen Volksgruppen

Oberwart, 11. 2. 1995

Unterzeichnet von:

Rat der Kärntner Slowenen

Kroatischer Kulturverein im Burgenland

Burgenländisch-Ungarischer Kulturverein

Verein der burgenländischen Ungarn in Wien

Minderheitsrat der tschechischen und slowakischen Volksgruppe in Österreich

Österreichisch-Slowakischer Kulturverein

Verein Roma

Artikel-VII-Kulturverein für Steiermark

Kulturverein der österreichischen Roma

 

Die österreichischen Volksgruppen sind erschüttert und fassungslos über die Mordanschläge auf vier Angehörige der Volksgruppe der Österreichischen Roma. Unsere Anteilnahme und unser tiefstes Mitgefühl gilt den Angehörigen der Opfer Josef Simon, Erwin Horvath, Karl Horvath, Peter Sarközi.

Die Betroffenen der rechtsterroristischen Bombenanschläge vom Dezember 1993 und Sommer 1994 waren österreichische Minderheiten, ausländische Mitbürger sowie deren Freunde, die sich für die Schwächsten unserer Gesellschaft einsetzen.

50 Jahre nach Auschwitz werden Angehörige der österreichischen Volksgruppen wieder ermordet oder müssen um ihren Leib und ihr Leben fürchten, einzig deshalb, weil sie einer Volksgruppe angehören. Das heutige Schicksal der Roma ist auch eine Folge der nichterfolgten österreichischen Vergangenheitsbewältigung. Von den 400 Bewohnern der Roma-Siedlung in Oberwart überlebten nur zwei Dutzend die Nazigräuel. Die Mehrheit wurde in den Konzentrationslagern ermordet oder ist in Anhaltelagern wie Lackenbach umgekommen.

Nach dem Krieg gab es keine Hilfe oder Wiedergutmachung. Die Überlebenden wurden in Barackensiedlungen an den Rand der Gesellschaft abgedrängt. Abgeschoben und verdrängt ­ wie das Gewissen Österreichs.

Anbetrachts der schrecklichen Morde wird den Roma und den österreichischen Volksgruppen von Seiten der politisch Verantwortlichen die volle Solidarität zugesichert. Solidarität ist wichtig, aber sie genügt nicht. Mit dem heutigen Trauertag muss das österreichische Gewissen neuerlich wachgerüttelt werden. Österreich hat sich der Probleme und Anliegen der Roma und anderer österreichischer Volksgruppen anzunehmen, sodass sie als gleichberechtigte Bürger in Österreich leben können.

Die Roma sind arbeitswillig. Sie benötigen dringend adäquate Arbeitsplätze, sodass sie sich als Volksgruppe in ihren Siedlungsgebieten halten können.

Die Roma wollen ihren Kindern ein freundliches Zuhause bieten. Sie benötigen keine Baracken, sondern intakte und menschenwürdige Wohnungen.

Die Roma-Kinder sind bildungswillig. Sie benötigen Unterstützung und Hilfe bei der Ausbildung.

Die Roma sind kulturbewusst. Sie benötigen eine entsprechende finanzielle Dotierung ihrer kulturpolitischen Aktivitäten.

Die Roma wollen ihre Sprache erhalten. Romanes soll in den Kindergärten und Schulen im Siedlungsgebiet der Roma berücksichtigt werden, damit diese Sprache als Teil des österreichischen Kulturgutes anerkannt wird.

Die Roma wollen ein friedliches Miteinander. An den österreichischen Schulen soll die Geschichte und Kultur der österreichischen Volksgruppen vermittelt werden, damit Vorurteile abgebaut werden können.

Die Roma wurden ermordet. Die Überlebenden der Konzentrationslager sollen endlich eine Entschädigung erhalten.

Die Roma wollen die österreichische Volksgruppenpolitik aktiv mitgestalten. Für die Volksgruppe der Roma soll der Volksgruppenbeirat eingerichtet werden.

Die Roma und die österreichischen Volksgruppen benötigen auch rechtlichen Schutz und das Mitspracherecht in der österreichischen Demokratie. Die österreichischen Volksgruppen sind sich daher einig, dass folgende Maßnahmen zu setzen sind:

 

a) Volksgruppengrundgesetz

Bestehende Normen zum Schutz der Volksgruppen aus nationalen und internationalen Gesetzen und Konventionen (z.B. Brünner Vertrag 1920, Staatsgrundgesetz 1867, Staatsvertrag von St. Germain 1919, Österreichischer Staatsvertrag 1955, Volksgruppengesetz 1976) sind in einem Volksgruppengrundgesetz zusammenzufassen und derart zu erweitern, dass sämtliche Lebensbereiche der in Österreich beheimateten Volksgruppen erfaßt werden und einen Schutz bzw. Förderung erfahren, die den Bestand der Volksgruppen und die Bewahrung ihrer Identität sowie ihre freie Weiterentwicklung sichern. Dieses Volksgruppengrundgesetz muss eine qualitative Verbesserung des in Österreich geltenden Rechtsschutzes und Autonomierechte für die Volksgruppen (auf der Grundlage der Personalautonomie) im Sinne des aktualisierten FUEV-Konventionsentwurfes "Volksgruppenschutz in Europa" vom 12. Mai 1994 enthalten. Das Volksgruppengrundgesetz ist vom Nationalrat in der Form eines Verfassungsgesetzes zu verabschieden.

 

b) Volksgruppenmandate in den gesetzgebenden Körperschaften

Das Österreichische Volksgruppenzentrum befürwortet in Fragen der Volksgruppenpolitik das Prinzip der Konsensualdemokratie und fordert die Einrichtung gesicherter Volksgruppenmandate in den gesetzgebenden Körperschaften. Das Österreichische Volksgruppenzentrum befürwortet die Schaffung zusätzlicher, den Volksgruppen vorbehaltener Mandate in den Landtagen, die von den Volksgruppenangehörigen mittels Zweitstimme oder besonderer Vorzugsstimme gewählt werden.

 

c) Innere Demokratie; öffentlichrechtliche Vertretungskörperschaften der Volksgruppen

Wie die Mehrheitsbevölkerung haben auch die Volksgruppen das Recht auf demokratische Strukturen. Das Volksgruppenzentrum befürwortet die gesetzliche Einrichtung von Vertretungskörperschaften der Volksgruppen, die von den Volksgruppenangehörigen auf Grund des gleichen, unmittelbaren, geheimen und persönlichen Wahlrechtes gewählt werden, einzurichten.

 

d) Europäische und internationale Aufgaben

Der Rechtsterrorismus und die Minderheitenfeindlichkeiten haben internationale Ausmaße angenommen. Österreich muss gemeinsam mit den europäischen Partnern den Rechtsterrorismus, wo immer er auftritt, gezielt und konsequent bekämpfen. Gemeinsam mit den europäischen Partnern muss ein modernes, europäisches Volksgruppenrecht, basierend auf der Konvention über die Rechte der europäischen Volksgruppen vom 28. Mai 1992, erarbeitet und beschlossen werden.

 

Diese Vorschläge sind Präventivmaßnahmen gegen Minderheitenfeindlichkeit und Rechtsradikalismus. Österreich soll nicht nur Signale setzen, sondern einen aktiven, verfassungsrechtlich abgesicherten Minderheitenschutz schaffen.