Am Rand der Gesellschaft

Neues Wirtschaftssystem und
 Instrumentalisierung der Roma

06-1-1 1Wenn man die Geschichte der Roma und Sinti seit dem 15. Jahrhundert in Mitteleuropa betrachtet, so ist es eine Geschichte der Instrumentalisierungen für sozialpolitische Zwecke.

Die Roma und Sinti kamen in einer Zeit nach Zentraleuropa, in der es sozioökonomische Umwälzungen, Aufstände und Revolten gab. Durch die Krise des Feudalismus und den Druck der sich ausbreitenden Geldökonomie auf die ländlichen Unterschichten ist ein Vagantentum entstanden. Feudalherrn wandelten z.B. Ackerland in herrschaftliche Schafweiden um. Die Schafwolle verkauften sie an die expandierende 06-1-1 2Tuchindustrie. Die Bauern wurden von ihren Ländereien vertrieben. Die Menschen wurden zu Vagabunden gemacht, dann des Müßigganges bezichtigt und schließlich wegen Bettelei und Landstreicherei bestraft. Die Außenpolitik der einzelnen Ländern war aufgrund osmanischer Eroberungen und Glaubenskämpfe (z.B. Jan Hus in Böhmen) destabilisiert. Fremde wurden mehrfach belastet, den Roma wurde vorgeworfen, Spione der Osmanen zu sein. Bis in das Spätmittelalter war körperliche Arbeit, Armut und Ausbeutung standesgemäß für die Bauern und unstandesgemäß für Klerus und Adel. In der Neuzeit entwickelte sich sukzessiv eine neue Sicht von Arbeit, die im Bürgertum folgendermaßen aussah: "Im öffentlichen und privaten Bereich gibt es nichts Verderblicheres als Trägheit und Müßiggang. Daraus erwachse Sittenlosigkeit, Verachtung der Gesetze und dies habe den Zusammenbruch der Länder zur Folge." Der kapitalistische Geist verurteilte den Müßiggang und verlangte Fleiß und Gehorsam der unteren Schichten. Landlose, wandernde Bauern, die sich nicht den 06-1-1 3neuen Zwängen unterordnen wollten, wurden verfolgt.

In dieser Zeit kamen die Roma allmählich nach ganz Europa. Sie wurden zu einem brauchbaren Instrument für die Kontrolle aller unteren Bevölkerungsschichten gemacht. Sie wurden nicht allein wegen ihrer Fremdheit verfolgt, sondern angeblich weil sie abhängige Arbeit und Sesshaftigkeit verweigerten. Die ersten "Zigeunerverfolgungen" zielten auf diese untersten Bevölkerungsschichten ab. Durch diese Abschreckungsmaßnahmen wollte man sie zwingen, der neuen Wirtschaftsordnung als Knechte und Mägde zu dienen. Die Verfolgungen bezogen sich anfangs nicht auf Einzelne, sondern auf eine Lebensweise in der eigenen Gesellschaft, die man beispielhaft durch die brutale Verfolgung der Roma bekämpfen wollte.

 

Stigmatisierung

Mit den ersten Gesetzen, die die Verfolgung der Roma zum Ziel hatten, war bereits eine Stigmatisierung erfolgt. Roma wurden nicht verfolgt, weil sie gegen Gesetze verstoßen hatten, sondern weil sie außerhalb der Gesetze lebten. Die gesetzlichen Bestimmungen betonten, dass "Zigeuner" nicht erst wegen konkreter Delikte zu verfolgen seien, sondern "bloß und allein um ihres verbotenen Lebenswandels".

06-1-2 1Sehr bald kam es zu rassistischen Argumenten. Die Roma wurden zu "Zigeunern" stigmatisiert, wobei es sich um eine Kombination von moralischen (faul) und ästhetischen (schwarz, hässlich) Argumenten handelte. Die Ursachen für das Anderssein wurden aus dem Bereich der äußeren Gründe (Vertreibung, Enteignung, Not) in den des Wesens (Müßiggang) geschoben. Ein weiterer Beitrag zur Schaffung des "Zigeunerstereotyps" kam aus dem Bereich der Philosophie. Immanuel Kant hatte die jahrhundertelangen Verfolgungen der Roma nicht im Geringsten beachtet, sondern wirft ihnen Unvermögen zu permanenter Arbeit vor. Roma hatten kaum die Möglichkeit, Grundbesitz zu erlangen, sich anzusiedeln und bestimmten bürgerlichen Berufen nachzugehen, sondern sie wurden stets an den untersten Rand der Gesellschaft verwiesen oder vertrieben. Kant verkehrte die Tatsachen und warf den Roma "Rastlosigkeit und Wandertrieb" vor und stellte sie dadurch an die unterste Stufe der Menschheitsentwicklung! 
Dann sammelte man mehrere Vorurteile, die in dieses menschenverachtende Konstrukt passten. Nämlich, dass die Roma von kindlichem Gemüt seien, unzivilisiert in Unterkunft, Kleidung, Ernährung und Hygiene wären und ihren Begierden ergeben seien.

Diese unhaltbaren Zuschreibungen und unwissenschaftlichen Konstrukte waren die Grundlage für die rassistische Argumentation im 20. Jahrhundert.

Quelle:. Wulf D. Hund: Das Zigeuner-Gen. Rassistische Ethik und Geist des Kapitalismus. In: Zigeuner. Geschichte und Struktur einer rassistischen Konstruktion. Duisburg, 1996

 

Mythos und Vorurteile

Leben zwischen Romantisierung und Diskriminierung

06-1-3 2Keine vergleichbare Ethnie (Volk) hat so zahlreiche Spuren in der Literatur, Musik und bildenden Kunst hinterlassen wie die Roma. Es handelt sich dabei nicht um Werke, die die Roma und Sinti geschaffen haben, sondern um das Bild der Roma in der Kunst und Kultur der Nicht-Roma.

Auf der einen Seite wurde ihnen unglaubliche Verachtung entgegengebracht und sie wurden ausgegrenzt. Auf der anderen Seite schufen Träume und Sehnsüchte der bürgerlichen Gesellschaft jene Bilder von Roma und Sinti, die der Realität überhaupt nicht entsprachen.

In Operetten und Liedern erscheinen Roma als heißblütige Musikanten und sorglose, frei lebende Gestalten. In Gedichten und Erzählungen wird ihnen Ungebundenheit und Naturverbundenheit zugeschrieben. Zahlreiche Werke der bildenden Kunst stellten singende, musizierende und bunt gekleidete Gruppen dar.

06-1-3 3In einer Zeit, in der Ferntourismus nur für einige wenige Personen möglich war, stellten diese Bilder "das Fremde" und "das Exotische" dar.
 Inwieweit können heutige Werbebilder von Fernreisen in die "Dritte Welt" mit musizierenden Menschen und exotisch anmutenden Frauen am Palmenstrand, die die Lebensrealität in jenen Ländern so gar nicht widerspiegeln, nicht mit den romantisierenden und diskriminierenden Bildern der Roma verglichen werden?

Mit diesen Bildern, die auch im Alltag gegenwärtig sind - "Zigeunerschnitzel", "Zigeunerspieß", Zigarettensorte "Gitanes" - geschah den Roma mehrfach unrecht.

Die Roma wurden und werden damit zwischen romantische Klischeevorstellungen und soziale Vorurteile gedrängt, es wurde und wird ihnen kein Raum für ein menschenwürdiges Leben gelassen.

Gedicht "Die drei Zigeuner"

Quelle: M. Verndorfer, Unbekanntes Volk. Sinti und Roma. Texte zum Kennenlernen. Bozen, 1995

 

Das Bild des "Zigeuners"

06-1-4 1Forscher, Künstler und Literaten, die das Leben der Roma in ihren Werken darstellten, waren selten frei von vorgefertigten Bildern, Konstruktionen, Ängsten und Spekulationen.

Die Wissenschaft und die Kunst haben immer wieder dazu beigetragen, dass Bilder von Roma weitergetragen und teilweise auch geschaffen wurden, die kaum der Realität entsprachen. Diese Fantasiegebilde setzten sich zusammen aus Nachrichten über Roma und Sinti, die in historischen Quellen überliefert sind, weiters aus den politischen Einstellungen der Gesellschaft jener Zeiten und persönlichen Aggressionen, Ängsten und Sehnsüchten. 
Die Darstellungen in historischen Quellen waren auch geprägt durch Vorurteile.

Die Bilder der "Zigeuner", die im Laufe der Jahrhunderte entstanden sind, waren vielfach konträr zum wirklichen Leben der Roma und Sinti. In diese Bilder sind die Vorurteile, wie auch die Sehnsüchte und Fantasien einer jeden Epoche eingeflossen.

Diese Bilder der Kunst, Literatur und Wissenschaft sind daher nicht nur unrealistisch, sondern menschenverachtend. Durch diese Konstruktionen wurden Vorurteile nicht abgebaut, sondern erst geschaffen und weiter tradiert.

 

"Zigeunerbilder" in der deutschsprachigen Literatur

Eine der ältesten Nachrichten über die Ankunft der Roma in Mitteleuropa findet sich in der "Cosmographie" von Sebastian Münster (1544).

Sie wurde etwa 100 Jahre nach Ankunft der ersten Romagruppen in Mitteleuropa geschrieben. Hier sind bereits bestimmte Vorurteile festgelegt - "die Roma wandern nicht auf Grund von Vertreibung, sondern aus einem angeborenen Wesen; trotz Taufe seien sie religionslos, sie hätten eine schwarze Hautfarbe, was eine Anspielung auf den Teufel war." Ihre Herkunft aus Klein-Ägypten weist er zurück und bezeichnet es als Fabel.

06-1-5 1Diese Fremdbilder sind in die Literatur der nachfolgenden Jahrzehnte eingegangen.

In der Literatur der Barockzeit kommt zu dem bestehenden "Zigeunerbild" das Element der Betrügerei und der "zigeunerischen Teufelskünste" hinzu. Das bekannteste Beispiel sind die Zigeunerszenen von Grimmelshausen. Courasche, die Titelfigur des Schelmenromans von 1669, wird als Nichtromni die Anführerin einer "Zigeunerbande". Sie färbt ihre Haut und Haare schwarz, lebt ein freies Leben durch Diebstahl, Betrügereien und magische Künste.

Johann Wolfgang von Goethes "Zigeunerszenen" im "Götz von Berlichingen" (1774) erweitern das Repertoire der Klischees um einige neue Elemente. Roma-Frauen werden als dämonische Wesen dargestellt, in einer Szene werden sie mit Wölfen gleichgesetzt. Sie werden als Unmenschen und Tiermenschen portraitiert.

In der Romantik ändert sich das bis dahin ausschließlich negative Bild. Die Figur der "schönen Zigeunerin" - die oft keine echte Romni, sondern nur bei Roma aufgewachsen war. Hier wurde aber ein Bild der "echten Zigeunerin" - alt, schwarz und hässlich - der "Halbzigeunerin" - meist die Tochter einer "Zigeunerin" und eines Adeligen - und einer "weißen Zigeunerin" - schön und edel - geschaffen, das in der nationalsozialistischen Ideologie wieder auftaucht.

In der Biedermeierzeit steht nicht eine dämonische Natur oder der Wandertrieb im Mittelpunkt, sondern das exotische Erscheinen: die schwarze, tanzende "Zigeunerin", der Geige spielende, schnurrbärtige "Zigeuner".

Das zentrale Thema der Realisten (Keller, Storm, Ebner-Eschenbach, Fontane) ist die Integration der "Zigeuner". Sie leben abseits der Zivilisation und werden missioniert und sozialisiert. Die Roma werden als Figuren dargestellt, die keine eigenen Bedürfnisse oder Wünsche haben, im Mittelpunkt steht die Fürsorge der "guten" Menschen.

Die Literatur des ausgehenden 19. Jahrhunderts erweitert diese Stereotypen um das Motiv der "freien Liebe". Diese Wunschvorstellung der Literaten, kreierte ein Bild vom "Zigeuner" vor allem von der "Zigeunerin", das den Roma oft jegliche Moral- und Wertvorstellungen absprach.

 

Das Bild des "Zigeuners" in der Wissenschaft

06-1-6 1Die heutige wissenschaftliche Erforschung der Roma und Sinti wird als Romologie bezeichnet und ist an wenigen Instituten (u.a. Prag) der Welt als wissenschaftliches Fach eingerichtet.

Tsiganologie oder Zigeunerkunde, so wurde lange Zeit die Wissenschaft über Roma und Sinti bezeichnet, war keine Wissenschaft, die man studieren konnte - die Forscher waren oft auch selbst ernannte Tsiganologen.

Manche Autoren, die sich mit Geschichte und Kultur der Roma und Sinti wissenschaftlich beschäftigten, taten dies im Dienst staatlicher Politik und trugen zu einem negativen Bild der Roma in der Gesellschaft bei. Man hielt am Stereotyp der "Nomaden" fest, obwohl viele Roma und Sinti bereits lange Zeit sesshaft waren, bzw. zwangsangesiedelt worden waren.

Für Wissenschaftler undurchschaubare soziale Strukturen wurden als Chaos abgetan. Vorbehalte von Sinti und Roma gegenüber Bildungseinrichtungen wurden als Faktoren der Nicht-Integrierbarkeit dargestellt, obwohl Romavertretungen immer wieder auf die Notwendigkeit und Förderung des Bildungsbereiches hinwiesen und hinweisen.

Lebensweisen, die durch Ausgrenzungen und Verfolgungen entstanden sind, wurden als kulturelle Merkmale gewertet.

Nomadisierende Ethnien in Westasien und Nordafrika, die am Rande der Gesellschaft leben, in informellen Wirtschaftsbereichen - ähnlich jener der Roma in Europa - tätig sein mussten, wurden als "Zigeuner" bezeichnet.

In den seltensten Fällen können tatsächliche Beziehungen (Verwandtschaft der Sprache, gemeinsame Migrationen, ähnliche soziale Strukturen) nachgewiesen werden. Dies alles trug zu einer Stereotypisierung der "Zigeuner" bei.

 

Zum gesellschaftlichen Status der Roma in Österreich

Von Jänner bis März 1995 führte das Gallup-Institut im Auftrag des American Jewish Commitee eine Umfrage zur Einstellung der Österreicher zu Juden und zum Holocaust durch. Im Zuge dieser Erhebung wurde auch die Haltung gegenüber Minderheiten erfasst.

Die Studie zeigte, dass die Roma zu den in Österreich am stärksten abgelehnten bzw. angefeindeten Minderheiten zählen: 45% (!) der Befragten gaben an, "Zigeuner" lieber nicht als Nachbarn haben zu wollen. Dieser Wert stellte ein Höchstmaß an Ablehnung dar. Immerhin 26% meinten, "Zigeuner" würden durch ihr Verhalten Feindseligkeiten herausfordern. Nur Serben und Türken, denen 39 bzw. 36% der Befragten derartiges Verhalten bescheinigten, lagen in dieser Skala noch vor den Roma.

Diese Umfragedaten machten deutlich, wie gering der gesellschaftliche Status der Roma in Österreich noch immer ist. Sie zeigten auf drastische Art, dass das in den Tagen nach dem Attentat vom Politikern behauptete "harmonische Miteinander" von Roma und Nichtroma mit der gesellschaftlichen Realität keineswegs übereinstimmte.